Tag 52. Die Hölle.

Wenn es eine Hölle gibt, und natürlich gibt es die Hölle, sagt er, dann ist meine Kindheit die Hölle gewesen. Wahrscheinlich ist die Kindheit immer eine Hölle, die Kindheit ist die Hölle, sagte er, gleich was für eine Kindheit, sie ist die Hölle. Die Leute sagen, sie haben eine schöne Kindheit gehabt, aber es war doch die Hölle. Die Leute verfälschen alles, sie verfälschen auch die Kindheit, die sie gehabt haben. […] Die Hölle kommt nicht, die Hölle war, sagte er, denn die Hölle ist die Kindheit. Was es mich gekostet hat, aus dieser Hölle herauszukommen! sagte er gestern. […] Der denkende Mensch ist von Natur aus ein unglücklicher Mensch, sagte er gestern. Aber selbst dieser unglückliche Mensch kann glücklich sein, sagte er, immer einmal wieder im wahrsten Sinne des Wortes und des Begriffs zum Zeitvertreib. Die Kindheit ist das finstere Loch, in das man von den Eltern hinuntergestoßen worden ist und aus dem man ohne jede Hilfe wieder herauskommen muss. Den meisten Menschen gelingt es ja nicht, aus diesem Loch, das die Kindheit ist, wieder herauszukommen, lebenslänglich sind sie in diesem Loch und kommen nicht heraus und sind verbittert. Deshalb sind die meisten Menschen verbittert, die aus ihrem Kindheitsloch nicht herauskommen. Es erfordert schon die übermenschliche Anstrengung, um aus dem Kindheitsloch herauszukommen. Und wenn wir nicht früh genug aus dem Kindheitsloch herauskommen, aus diesem finstersten Loch überhaupt, kommen wir nie heraus, sagte er.

Thomas Bernhard: Alte Meister

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2 Kommentare zu „Tag 52. Die Hölle.

  1. Thomas Bernhard habe ich bisher nur als Hörbuch „konsumiert“, das hat mir nicht sehr gefallen. Offenbar brauche ich für Bernhard mehr Zeit oder es sind seine Wiederholungen, die dazu führen, dass ich als Hörer unaufmerksam wurde. So, gelesen, kriegt der Text eine andere Qualität.

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    1. komisch: ich habe schon so viele hörbücher gehört, aber tatsächlich noch keines von thomas bernhard – die theaterstücke sind jedoch herrlich, wenn sich alle immer wieder um sich selbst drehen – es hat ja etwas stark musikalisches, wie sich die wiederholungen wellend aneinanderreihen – stelle ich mir als hörbuch eigentlich ganz gut vor … manchmal macht es aber auch der/die sprecher_in aus (es gibt stimmen, die können sagen, was sie wollen: da schlafe ich auch ein …)

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