Tag 105. Fluchtpunkt.

Tatsächlich denke ich, dass das Kunsthistorische Museum der einzige Fluchtpunkt ist, der mir geblieben ist, sagte Reger, zu den Alten Meistern muss ich gehen, um weiterexistieren zu können, genau zu diesen sogenannten Alten Meistern, die mir ja längst und schon seit Jahrzehnten verhasst sind, […] und doch sind sie es, die mich am Leben halten. So gehe ich durch die Stadt und denke, dass ich diese Stadt nicht mehr aushalte und dass ich nicht nur die Stadt nicht mehr aushalte, dass ich die ganze Welt und in der Folge eben die ganze Menschheit nicht mehr aushalte, denn die Welt und die ganze Menschheit sind ja mittlerweile so entsetzlich geworden, dass sie bald nicht mehr auszuhalten sind, wenigstens nicht für einen Menschen wie mich. Für einen Verstandesmenschen wie für einen Gefühlsmenschen wie mich ist die Welt und ist die Menschheit bald nicht mehr auszuhalten, wissen Sie, Atzbacher. Ich finde in dieser Welt und unter diesen Menschen nichts mehr, das mir etwas wert ist, sagte er, in dieser Welt ist alles stumpfsinnig und in dieser Menschheit ist alles ebenso stumpfsinnig. Diese Welt und die Menschheit haben heute einen Grad von Stumpfsinnigkeit erreicht, den sich ein Mensch wie ich nicht mehr leisten kann, sagte er, eine solche Welt darf ein solcher Mensch nicht mehr mitleben, eine solche Menschheit darf ein solcher Mensch wie ich nicht mehr mitexistieren, sagte Reger.

Thomas Bernhard: Alte Meister

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