Tag 127. Grenzübergang.

Bereits beim Grenzübergang hatte ich Eindrücke erhalten, die in mir weiterwirkten und sich während der folgenden Zeit verstärkten. Bei unserem Eintreffen in Helsingborg fand gerade die Abschiebung zweier jüdischer Familien statt, die auf beschwerlichen Wegen nach Dänemark und auf die schwedische Eisenbahnfähre gekommen waren. Die beiden Familien, die eine mit einem Säugling, die andere mit Alten und ein paar Kindern, aus Böhmen stammend, mussten sich, schreiend zuerst, dann verzeifelnd jammernd, schließlich verstummt, gebrochen auf die Fähre zurücktragen lassen. Und dies zu einem Zeitpunkt, da in Deutschland die Synagogen angezündet, die jüdischen Geschäfte zertrümmert, die rassisch Verdammten durch die Straßen gejagt wurden. Es war dieses auferlegte Verstummen, das mich in den ersten Monaten peinigte. Und es war kein Stummsein aus notwendiger politischer Verantwortung, sondern aus enger, kleinlicher Furcht, dass die geringste verdächtigte Äußerung zur fristlosen Entlassung, zum Hinauswurf aus dem Land führen könnte.

Peter Weiss: Die Ästhetik des Widerstands

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