Tag 134. Nennenswert.

In diesen Tagen begann ein desperates Kräftemessen zwischen denen, die sich um die Gefährdeten bemühten und den Beschlussfassern, denen es darauf ankam, jede Stellungnahme abzuweisen. Zu einem Zeitpunkt, da die Not einen Höhepunkt erreicht hatte, kulminierte auch der Unwille zum Beistand. Die verschärften Instruktionen an die Gesandtschaften und Passbehörden hatten sich als erfolgreich erwiesen. Nachdem die politischen Flüchtlinge kriminalisiert und die rassisch Verfolgten als unerwünscht abgetan worden waren, brauchte mit einem Andrang an der Grenze nicht mehr gerechnet zu werden. Dies galt nicht nur für Schweden, sondern für alle, noch unbehelligten Länder Europas. So wie die deutsche Regierung versicherte, dass keine wesentlichen territorialen Ansprüche mehr gestellt würden, so konnte der Westen verkünden, dass kein nennenswertes Flüchtlingsproblem mehr bestehe. Nur, wem es geglückt war, Kapital auszuführen, wer reiche Gönner, Beziehungen zu Industrieleitungen besaß oder sich selbst als Unternehmer etablieren konnte, durfte einer Aufnahme entgegen sehen.

Peter Weiss: Die Ästhetik des Widerstands

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