Tag 280. Misstrauen.

Die mannigfaltigen Spielarten der Weltentfremdung im Altertum – vom Stoizismus über den Epikureismus zu Hedonismus und Zynismus – lassen sich alle auf ein tiefes Weltmisstrauen zurückführen, auf den Impuls, sich vor der Welt zu verbergen und zu retten, um der Not und den Gefahren zu entgehen, die sie birgt, und sich auf ein Inneres zurückzuziehen, in dessen Bereich das Selbst nur mit sich selbst konfrontiert ist. Was diesen Strömungen aber in der Neuzeit entspricht, also der Puritanismus, der Sensualismus und schließlich Benthams Hedonismus, entspringt einem Misstrauen des Menschen gegen sich selbst und lässt sich auf den Zweifel zurückführen, der die Wirklichkeitskapazität der Sinne, die Wahrheitskapazität der Vernunft und damit die Vollkommenheit der menschlichen Natur überhaupt in Frage stellte; ihr Ausgangspunkt ist nicht die Verderbtheit der Welt, sondern die Unzulänglichkeit und Verderbtheit der Menschennatur.

Hannah Arendt: Vita activa. Oder vom tätigen Leben.

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