Tag 307. zur gemeinsamen Lust.

Bacchus heiliges Fest gebot in Thebe der Priester;
Daß vom Geschäft ausruhend, die Frau’n und die Mägde des Hauses,
Felle gehüllt um die Brust, und das Band der Haare gelöset,
Kränz‘ um das Haupt, in die Händ‘ umlaubte Stäbe sich nähmen.

[…] Nur Minyas‘ Töchter im Hause,
Durch unzeitigen Dienst der Minerva störend die Feier,
Ziehn die gefeinerte Woll‘, und drehn mit dem Daumen die Spindel,
Oder beschicken Geweb‘, und mahnen die Mägd‘ an der Arbeit.
Eine davon, ausziehend mit hurtigem Finger den Faden:
Während die anderen ruhn, und frommen Erdichtungen nachgehn,
Laßt uns, sagt sie, von Pallas, der besseren Göttin, beschäftigt,
Unser nützliches Werk durch mancherlei Reden erleichtern.
Jede soll umeinander ein zeitverkürzendes Märlein
Zur gemeinsamen Lust den müßigen Ohren erzählen.

[…] Plötzlich erscholl, ungesehen den festentweihenden Schwestern,
Zur dumpfrollenden Trommel das krummgehörnete Schallrohr
Und das erklingende Erz; rings dufteten Myrrhen und Safran,
Und, kaum glaubliche Tat! es ergrünete jeglicher Webstuhl,
Und in des Efeus Laub verhüllte das hangende Tuch sich.
Anderes schwand in Reben; und was als Faden gespannt war,
Rankt mit Geringel empor; aus dem Aufzug dränget sich Weinlaub;
Und das Purpurgewand leiht Glanz den gefärbeten Trauben.
Jetzo war vergangen der Tag, und es rückte die Zeit an,
Welche man Licht so wenig als Finsternis möchte benennen,
Sondern Scheide des Tags und der Nacht, ein dämmerndes Zwielicht.
Schleunig erbebte das Haus, und es schien, wie wenn harzige Fackeln
Loderten, und die Gemächer in rötlicher Glut sich erhellten:
Und von des gräßlichen Wildes Erscheinungen scholl’s wie Geheul auf.
Rings in der dampfenden Wohnung verbargen sich eilig die Schwestern,
Jed‘ am besonderen Orte die Glut und die Helle vermeidend.
Während sie Winkel erspähn, da umläuft die verkleinerten Glieder
Dünne Haut, und bedeckt mit zarten Schwingen die Ärmlein
Auch nicht einmal, wie ihnen die vorige Bildung dahinschwand,
Ließ sie das Dunkel erkennen. Es hob nicht jene Gefieder;
Dennoch trugen sie sich auf matt durchscheinenden Flügeln.
Rede versuchen sie jetzt; und der feineste Laut für den Körper
Schwirret hervor; und sie üben mit zirpender Stimme die Klagen.
Häuser bewohnen sie gern, nicht Waldungen; immer noch lichtscheu
Schwärmen sie gegen die Nacht als Fledermäus‘ in der Dämmrung.

Ovid, Metamorphosen, Viertes Buch. Des Minyas Töchter

 

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3 Kommentare zu „Tag 307. zur gemeinsamen Lust.

  1. Wie wundervoll, an diese Sprache erinnert zu werden…“jede soll umeinander ein zeitvertreibendes Märlein zur gemeinsamen Lust den müßigen Ohren erzählen“…ach, wenn wir´s doch öfter so machten…“die Gemächer in rötlicher Glut…“ Wir sollten in den verschiedensten Wirklichkeiten FreundInnen zusammentrommeln und uns zur Lust Märlein erzählen! Dank Dir für Ovid, so eine Freude, hatte ihn vergessen. Liebe Grüsse

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