Tag 332. Fähigkeit.

Mein Fall ist, in Kürze, dieser: Es ist mir völlig die Fähigkeit abhanden gekommen, über irgend etwas zusammenhängend zu denken oder zu sprechen.

Zuerst wurde es mir allmählich unmöglich, ein höheres oder allgemeineres Thema zu besprechen und dabei jene Worte in den Mund zu nehmen, deren sich doch alle Menschen ohne Bedenken geläufig zu bedienen pflegen. Ich empfand ein unerklärliches Unbehagen, die Worte »Geist«, »Seele« oder »Körper« nur auszusprechen. Ich fand es innerlich unmöglich, über die Angelegenheiten des Hofes, die Vorkommnisse im Parlament oder was Sie sonst wollen, ein Urtheil herauszubringen. Und dies nicht etwa aus Rücksichten irgendwelcher Art, denn Sie kennen meinen bis zur Leichtfertigkeit gehenden Freimut: sondern die abstrakten Worte, deren sich doch die Zunge naturgemäß bedienen muß, um irgendwelches Urtheil an den Tag zu geben, zerfielen mir im Munde wie modrige Pilze.

Hugo von Hofmannsthal: Ein Brief (auch: Brief des Lord Chandos an Francis Bacon)

 

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5 Kommentare zu „Tag 332. Fähigkeit.

  1. [Sie wundern sich hoffentlich nicht, wenn hier niemand kommentiert. Also ich jedenfalls bringe zu diesem Text nichts zustande, es ist mir geradezu unmöglich! Kaum dass mir überhaupt ein Gedanke käme – aber die bloße Vorstellung, ihn noch dazu aufzuschreiben, ja hochzuladen, dies erscheint mir geradezu absurd!]

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