Tag 342. Simpl.

Das 8. Kapitel
Wie Simplicius durch hohe Reden seine Vortrefflichkeit zu erkennen gibt

Einsiedel: Wie heissestu?
Simpl: Ich heiße Bub.
Eins.: Ich sihe wol / daß du kein Mägdlein bist / wie hat dir aber dein Vatter und Mutter geruffen?
Simpl.: Ich habe keinen Vatter oder Mutter gehabt.
Eins.: Wer hat dir dann das Hemd geben?
Simpl.: Ei mein Meüder.
Eins.: Wie heissest dich dann dein Meüder?
Simpl.: Sie hat mich Bub geheissen / auch Schelm / ungeschickter Dölpel / und Galgenvogel.
Eins.: Wer ist dann deiner Mutter Mann gewest?
Simpl.: Niemand.
Eins.: Bey wem hat dann dein Meüder deß Nachts geschlaffen?
Simpl.: Bey meinem Knan.
Eins.: Wie hat dich dann dein Knan geheissen?
Simpl.: Er hat mich auch Bub genennet.
Eins.: Wie hiesse aber dein Knan?
Simpl.: Er heist Knan.
Eins.: Wie hat ihm aber dein Meüder geruffen?
Simpl.: Knan / und auch Meister.
Eins.: Hat sie ihn niemals anders genennet?
Simpl.: Ja, sie hat.
Eins.: Wie dann?
Simpl.: Rülp / grober Bengel / volle Sau / und noch wol anders / wann sie haderte.
Eins.: Du bist wol ein unwissender Tropff / daß du weder deiner Eltern noch deinen eignen Namen nicht weist!
Simpl.: Eya /weist dus doch auch nicht.
Eins.: Kanstu auch beten?
Simpl.: Nain / unser Ann und mein Meüder haben als das Bett gemacht.
Eins.: Ich frage nicht hiernach / sondern ob du das Vatter unser kannst?
Simpl.: Ja ich.
Eins.: Nun so sprichs dann.
Simpl.: Unser lieber Vatter / der du bist Himel / hailiget werde nam / zrkommes d Reich / dein Will schee Himmel ad Erden / gib uns Schuld / als wir unsern Schuldigern geba / führ uns nicht in kein böß Versucha / sondern erlöß uns von dem Reich / und die Krafft / und die Herrlichkeit / in Ewigkeit / Ama.
[…]
Eins.: Ach gütiger GOtt / nun erkenne ich erst / was vor eine grosse Gnad und Woltat es ist / wem du deine Erkantnus mittheilest / und wie gar nichts ein Mensch seye / dem du solche nicht gibst: Ach HErr verleyhe mir deinen heiligen Nahmen also zu ehren / daß ich würdig werde / um diese hohe Gnad so eyferig zu dancken / als freygebig du gewest / mir solche zu verleyhen: Höre du Simpl. (dann anderst kan ich dich nicht nennen) wann du das Vatter unser betest / so mustu also sprechen: Vatter unser / der du bist im Himmel / geheiliget werde dein Nahm / zukomme uns dein Reich / dein Will geschehe auff Erden wie im Himmel / unser täglich Brod gib uns heut / und
Simpl.: Gelt du, auch Käß darzu?
[…]

Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen: Simplicius Simplicissimus

Advertisements

2 Comments

  1. Schön! „Gib uns Schuld / als wir unsern Schuldigern geba / führ uns nicht in kein böß Versucha / sondern erlöß uns von dem Reich“: das ist mir damals wohl alles entgangen, als ich den Simplicissimus gelesen habe. Was für kleine Unverschämtheiten doch darin stecken!

    Gefällt 2 Personen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s