Tag 359. Jedermann.

Stimmen
Jedermann! Jedermann! Jedermann!

[…]

Jedermann hebt sich angstvoll
Nun aber sag um Gott, mein Lieb,
Was brennen die Lichter also trüb?
Und wer kommt hinter mir heran?
Auf Erden schreitet so kein Mann.

Der Tod steht da in einiger Entfernung. Alle Gäste auf.

Tod
Ei Jedermann! ist so fröhlich dein Mut?
Hast deinen Schöpfer ganz vergessen?

[…]

Jedermann die Augen gesenkt tritt hinter sich
Was will mein Gott von mir?

Tod
Das will ich dich weisen.
Abrechnung will er halten mit dir. Unverweilt!

Jedermann mit einem jähen Trotz
Ganz und gar bin ich unbereit
Für solch ein Rechnung legen.
Müßt ich das tun, da käm ich in Not
Auch kenn ich dich nit, was bist du für ein Bot?

Lautloses Flüchten: Die Spielleut. Buhlschaft ihre Kleider hebend.

Tod
Ich bin der Tod, ich scheu keinen Mann
Tret jeglichen an und verschone keinen.

Es flüchten viele.

Jedermann
Bist du derselbig, hör mich an.
Ich bin ein mächtig reicher Mann.
Die Sach soll aufgeschoben sein.
Nur dies tu! Willst’s nit? Tust’s nit?

Tod
Nein.
[…]

Hugo von Hofmannsthal. Jedermann. Das Spiel vom Sterben des reichen Mannes


Vorwort v. H.v. Hofmannsthal

Die deutschen Hausmärchen, pflegt man zu sagen, haben keinen Verfasser. Sie wurden von Mund zu Mund weitergetragen, bis am Ende langer Zeiten, als Gefahr war, sie könnten vergessen werden oder durch Abänderungen und Zutaten ihr wahres Gesicht verlieren, zwei Männer sie endgültig aufschrieben. Als ein solches Märchen mag man auch die Geschichte von Jedermanns Ladung vor Gottes Richterstuhl ansehen. Man hat sie das Mittelalter hindurch an vielen Orten in vielen Fassungen erzählt; dann erzählte sie ein Engländer des fünfzehnten Jahrhunderts in der Weise, daß er die einzelnen Gestalten lebendig auf eine Bühne treten ließ, jeder die ihr gemäßen Reden in den Mund legte und so die ganze Erzählung unter die Gestalten aufteilte. Diesem folgte ein Niederländer, dann gelehrte Deutsche, die sich der lateinischen oder der griechischen Sprache zu dem gleichen Werk bedienten. Ihrer einem schrieb Hans Sachs seine Komödie vom sterbenden reichen Mann nach. Alle diese Aufschreibungen stehen nicht in jenem Besitz, den man als den lebendigen des deutschen Volkes bezeichnen kann, sondern sie treiben im toten Wasser des gelehrten Besitzstandes. Darum wurde hier versucht, dieses allen Zeiten gehörige und allgemeingültige Märchen abermals in Bescheidenheit aufzuzeichnen. Vielleicht geschieht es zum letztenmal, vielleicht muß es später durch den Zugehörigen einer künftigen Zeit noch einmal geschehen.

 

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5 Kommentare zu „Tag 359. Jedermann.

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