Tag 385. genug.

»Womit könnte ich mich rechtfertigen? Ich bin ein schlechtes, gemeines Weib, ich verachte mich selbst und denke nicht an Rechtfertigung. Nicht meinen Mann habe ich betrogen, sondern mich selbst. Und nicht nur jetzt, ich betrüge mich seit Jahren. […].«

Gurow konnte nicht länger zuhören; ihre Worte langweilten ihn, ihn ärgerte dieser naive Ton, diese unerwartete und deplacierte Beichte; hätte er nicht die Tränen in ihren Augen gesehen, so würde er glauben, daß sie scherze oder Komödie spiele.

»Ich verstehe dich nicht,« sagte er leise. »Was willst du eigentlich?« Sie barg das Gesicht an seiner Brust und schmiegte sich an ihn.

»Glauben Sie mir, glauben Sie mir, ich beschwöre Sie …« sagte sie. »Ich liebe das reine, keusche Leben, und die Sünde ist mir verhaßt, ich weiß selbst nicht, was ich tue. Einfache Leute sagen: der Böse hat mich verführt. Auch ich kann jetzt von mir sagen, daß mich der Böse verführt hat.«

»Genug, genug …« flüsterte er.

Anton Tschechow: Die Dame mit dem Hündchen

 

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