Tag 442. Mustermenschen.

»Was ist mit dir, Junge?« forschte die Generalin strengen Tons. »Du gefällst mir seit einiger Zeit nicht mehr. […] Hapert’s in der Schule? Vorigen Herbst hast du ja noch Aussicht auf den Primus gehabt. Ehrlich gesagt, darauf leg ich wenig Wert. Aus Musterschülern werden keine Mustermenschen, Sitzfleisch macht nicht Genie. Genie ist Fleiß, sagen die Deutschen. Das könnte ihnen so passen. Ich halte was von dir, du bist mein einziger Enkel, ich bin deine einzige Ahnin; hättest du ein halbes Dutzend Geschwister, so würd ich mir vielleicht einen andern unter euch aussuchen als gerade dich, denn du bist mir ein wenig zu verschlagen und ein wenig zu verdöst. Man muß viel da drinnen haben (sie deutete auf ihre Brust), wenn man so viel dahinten hat (sie zwickte ihn am Ohrläppchen). Na, ganz egal, ich hab dich trotzdem lieb, nur wird mir manchmal angst und bang, wenn ich dich anseh.«

Jakob Wassermann: Der Fall Maurizius

 

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4 Kommentare zu „Tag 442. Mustermenschen.

  1. Schon wieder einen Dichter durch Sie kennengelernt, von dem ich noch nie gehört hatte. Gar mit Lebenslinienverbindungen z.B. Fürth, wo ich – noch nicht lang her – ein paar Jahre gelebt habe, unweit des alten Judenviertels mit seinen schönen niederen Sandstein_stadthäuser_straßen, kopfsteingepflastert.

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