Tag 447. Geistesüberdruss.

Wir steigern uns oft in eine Übertreibung derartig hinein, habe ich zu Gambetti später gesagt, dass wir diese Übertreibung dann für die einzige folgerichtige Tatsache halten und die eigentliche Tatsache gar nicht mehr wahrnehmen, nur die maßlos in die Höhe getriebene Übertreibung. Mit diesem Übertreibungsfanatismus habe ich mich schon immer befriedigt, habe ich zu Gambetti gesagt. Er ist manchmal die einzige Möglichkeit, wenn ich diesen Übertreibungsfanatismus nämlich zur Übertreibungskunst gemacht habe, mich aus der Armseligkeit meiner Verfassung zu retten, aus meinem Geistesüberdruss, habe ich zu Gambetti gesagt. Meine Übertreibungskunst habe ich so weit geschult, dass ich mich ohne weiteres den größten Übertreibungskünstler der mir bekannt ist, nennen kann. Ich kenne keinen andern. Kein Mensch hat seine Übertreibungskunst jemals so auf die Spitze getrieben, habe ich zu Gambetti gesagt, und darauf, dass ich, wenn man mich kurzerhand einmal fragen wollte, was ich denn eigentlich und insgeheim sei, doch darauf nur antworten könne, der größte Übertreibungskünstler, der mir bekannt ist. Darauf ist Gambetti wieder in sein Gambettilachen ausgebrochen und hat mich mit seinem Gambettilachen angesteckt, so lachten wir beide auf dem Pincio an diesem Nachmittag, wie wir noch niemals vorher gelacht hatten. Aber auch dieser Satz ist natürlich wieder eine Übetrreibung, denke ich jetzt, während ich ihn aufschreibe, und Kennzeichen meiner Übertreibungskunst.

Thomas Bernhard, Auslöschung

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6 Kommentare zu „Tag 447. Geistesüberdruss.

  1. Ah! Der Herr Bernhard! Der kommt mir, das sage ich ohne Übertreibung, gerade recht.

    [Die Idee, mein ganzes Leben quasi umzuschreiben, amal, noch, in Bernhardschem ductus. Eine Rettung.]

    [‚Holzfällen‘ steht, von Frau Kaschpar inspiriert, hier in der Buchregalnische des Alkovens als einzige Belletristik; neben Fachlichem (IT, Philosophie, Klapsentheorie)]

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      1. (Nimmt sich vor, abends vor dem Einschlafen jetzt immer ein paar Seiten Bernhard zu lesen. Erinnert mich übrigens an den Jugendfreund, Germanist später dann, der abends vor/zum Einschlafen immer einen Artikel im Grimmschen Wörterbuch las. Auch nicht das Schlechteste.)

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      2. ich habe mich jetzt an das gegenteiligste überhaupt gemacht: marcuse: philosophie des glücks. falls es nichts bringt, hab ich den band von ihm über das unglück auch noch daheim. ich schau mal wies wirkt 🙂

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      3. das tut er allerdings ganz unverfroren. beim thema glück scheint er sich grad gar nicht einzukriegen und will mir dauernd alles dick fett leuchtmarkieren oder eselsohren. ich hab ihn überredet, jetzt so bunte klebezettelchen zu nutzen. (soll er sich mal austoben, am ende schaun wir mal 🙂

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