Tag 490. Privatgeräusche.

Hätte er nur wirklich fortgedurft, um wenigstens seine Notdurft verrichten zu können. Doch sie hielten ihn fest, und Frau Bonnet mit gewissen Bedürfnissen in Verbindung zu bringen, war völlig unmöglich. Endlich ertönte ein Gähnen, das ihn ermunterte. Zwar hatte Herr Bonnet auch vorher gegähnt, aber weniger seine Schläfrigkeit damit andeuten wollen als die Revolution. Trotz der Aussicht auf die baldige Erleichterung stieg Georg beklommen mit ihm nach oben. Die Wände drängten sich auf der Treppe dicht zusammen, und das Zimmer, in dem er übernachten sollte, grenzte unmittelbar ans Schlafzimmer von Frau Bonnet, das nur ein einziges Bett enthielt. Seine sehnsucht nach einem fremden Hotel wurde durch die drohende Gefahr von Privatgeräuschen erhöht. Obwohl er sich bemühte, selber keine zu machen, konnte er doch nicht verhindern, dass das Wasser in der Toilette unnatürlich laut rauschte. Eine kaum geringere Pein verursachten ihm seine staubigen Schuhe, die er nach längerem Grübeln bei sich behielt, weil sich nirgends ein Mädchen gezeigt hatte. Es rauschte wieder, Kleider raschelten in der Nähe, wo schlief Herr Bonnet, die beiden mussten sehr arm sein, das Haus war ein entsetzliches Häuschen. – – –
Siegfried Kracauer, Georg
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Ein Kommentar zu „Tag 490. Privatgeräusche.

  1. Privatgeräusche: Was für ein interessantes Wort. Japanische Toiletten bieten als Lösung für dieses Problem die Geräuschprinzessin, wie der Name schon sagt, eher für die Damen im Angebot. Die japanischen Herren scheinen da weniger zart besaitet als Georg.

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