Tag 547. Waage.

„Schön ist es in Berlin“, sagte Georg. Eine tiefe Erregung bemächtigte sich seiner. „Manchmal schlendere ich stundenlang durch die Straßen und vergesse alles darüber. Oder vielmehr umgekehrt, ich sehe alles: die Menschen, die Sachen, die Häuser. In ihnen unterzutauchen, bildet mein allergrößtes Entzücken. Und indem ich so ungekannt die Menge durchstreife, ist mir oft nicht anders zumute, als spüre ich gleichsam die Verteilung sämtlicher Gewichte und belausche ihr unmerkliches Auf und Nieder. Denk‘ an eine Waage, die zittert. Nicht selten ertappe ich mich dabei, dass ich den Atem anhalte, und meine Finger spreize und dehne; wie wenn ich mit leisen Fingern eine Waage zu richten hätte.“

„Wo lebst du eigentlich?“ – Freds Stimme klang zärtlich bekümmert. „Hier in Berlin muss man die Ellenbogen doppelt gebrauchen.“

Siegfried Kracauer, Georg

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2 Kommentare zu „Tag 547. Waage.

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