Tag 707. schief.

„Als vorhin die Essiggürkchen so pedantisch den Schinken verzierten, fiel mir eine Geschichte aus meiner Kindheit ein. Vor dem Einschlafen pflegte sich im Bett regelmäßig das Folgende mit mir zu ereignen: ich legte zuerst den Kopf für eine gewisse Zeit auf die Seite, auf der ich gewöhnlich schlief. Dann wandte ich mich um und kehrte mich der anderen Seite zu; wobei ich darauf achtete, dass ich in der mir unbequemen Lage ungefähr ebenso lang wie in der früheren verharrte. Erst nach Erledigung dieses täglichen Bettpensums schien mir zu schlafen erlaubt. Wenn meine Mutter, die mich abends fast immer besuchte, nach dem Grund des ihr unerklärlichen Verhaltens fragte, antwortete ich lakonisch: ‚Von wegen schief‘. Sie hat mir die Begebenheit oft erzählt, und noch heute neckt sie mich manchmal mit dem Wort. Ich glaube, dass es zu mir passt. Meinst du nicht auch?“

Siegfried Kracauer, Ginster, hier: Otto