Tag 900. Schreibewut.

Oront. Sie finden also mein Sonett nicht gut?

Alcest. Das sag‘ ich nicht. Doch jenem macht‘ ich klar,
Daß grad in unsrer Zeit die Schreibewut
Schon vielen wackren Leuten schädlich war.

Oront. Soll das auf mich und meine Schriften passen?

Alcest. Das sag‘ ich nicht. Doch jenem sagt‘ ich frei:
Wer zwingt Sie denn zur Reimerei?
Und wer, beim Teufel, gar zum Druckenlassen?
Verzeihlich ist nur dann ein schlechtes Buch,
Wenn der Verfasser nagt am Hungertuch.
Bestehn Sie die Versuchung wie ein Mann,
Auf offnem Markt dergleichen auszukramen,
Und setzen Sie den guten Namen,
Den Sie bei Hofe haben, nicht daran,
Nur um aus gierigen Verlegerhänden
Als trauriger Poet hervorzugehn. –

Jean Baptiste Molière: Der Misanthrop, übersetzt von Ludwig Fulda

Molière erlag einem tödlichen Anfall auf der Bühne während einer Vorstellung des „Malade imaginaire“. (Der eingebildete Kranke)

Projekt Gutenberg

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