Tag 938. Suchender.

Der in seiner Leistung und Nachwirkung wohl fruchtbarste, wenn auch in der Wertung bis heute umstrittene Poet ist aber Leonidas von Tarent, der fahrende Sänger, gewesen. Seine Weihgedichte, in denen arbeitende Menschen nach einem an Mühsal reichen Leben ihr Handwerkszeug den Göttern stiften, waren nicht nur Jahrhunderte lang im Munde des Volkes lebendig; sie haben auch eine kaum übersehbare Nachfolge erzielt. Viele und nur anscheinend unvereinbare Züge kennzeichnen sein Schaffen. Neben wortreichen, übertriebenen Künsteleien finden sich Schlichtheit und ausdrucksstarke Kürze, neben peinlicher Beachtung der klassischen Formen volkstümliche, sprachlich nachlässige Wendungen. Offenbar ist er zeit seines Lebens ein rastlos Suchender geblieben. Dass es ihm an Tiefe des Empfindens nicht fehlte, beweisen Gedichte wie jene, in denen er, wohl als Fazit des eigenen Lebens, die Sesshaftigkeit, auch in einer dürftigen Hütte, preis (VII 736) oder dankbar und stolz der ihm von den Musen gewährten trostreichen Gaben gedenkt (VII 715).

Die Griechische Anthologie, Einleitung, Die Dichter der Anthologie (Dietrich Ebener)
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