Tag 944. Allerweltsfreund.

Alcest. Unleidlich ist mir dieser feige Schacher,
Den ihr zum guten Ton gehören laßt!
Nichts ist mir so im Innersten verhaßt
wie diese kunstgerechten Phrasenmacher,
Die Schmeichler, stets zum Liebesgruß bereit,
Die uns mit leerem Redeschwall bedecken,
Die mit derselben süßen Höflichkeit
Den ernsten Mann behandeln wie den Gecken.
Was frommt es noch, wenn jemand hoch und hehr
Uns Treue schwört, Hingebung, Freundesglut,
Mit Lob uns überschüttet und nachher
Dem ersten besten Tropf ein Gleiches tut?
Wer noch gesund empfinden kann,
dankt für solche feilgebotnen Ehren,
Und wenn sie noch so überschwenglich wären,
Der teilt nicht gern mit jedermann.
Auf ein Verdienst muß sich Verehrung gründen:
er jeden achtet, achtet keinen;
Und weil auch Sie der Knecht sind dieser Sünden,
Drum sind wir fertig – ein für allemal.
Mir widerstrebt’s, mich Leuten zu vereinen,
Die sich verschenken ohne Wahl.
Ich fordere, daß man mich höher stellt;
Der Allerweltsfreund kann mir nicht genügen.

Jean Baptiste Molière: Der Misanthrop

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