Tag 948. vorgeburtlich.

Ich bewundere manche meiner Lebensgenossen, die mit vorgeburtlicher Reinheit ins Dasein treten, in die Schule gehen, die Universität besuchen, alles, alles, ohne Anstoß zu erregen. Sie lösen willig und ohne zu zweifeln alle Aufgaben, die man ihnen stellt, haben nie Schwierigkeiten, werden Tugendwächter, beobachten zum Beispiel die Worte, die ich von mir gebe, und wenn sie eines finden, das jemandem missfallen könnte, ersuchen sie mich, es zu verschlucken, und sie machen darauf aufmerksam. Ich aber, den seine Mutter in ein Gestrüpp vorgeburtlicher Irrtümer hineingebar, fahre fort, meine Lebenskraft zu verbrauchen, um dieses vorgeburtliche Gestrick zu entflechten, und doch höre ich nicht auf, selbst nachdem ich im Alter einige Erkenntnisse gewann, für manche meiner Zeitgenossen ein nutzloser Mitbewohner ihrer Welt zu sein.
Erwin Strittmatter, Der Laden
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2 Kommentare

  1. Wenn ich im nächstgeburtlichen Leben im Kinderwagen durch die – sagen wir – Straßen einer Großstadt geschoben werden werde, dann wird mir ein bunt bemalter Verteilerkasten auffallen und ich werde, noch bevor ich werde lesen oder schreiben können, an Sie denken. Wie die ältere Tochter in Berlin einmal nach oben in den Himmel deutete auf die flatternden Krähenschwärme, im Kinderwagen liegend, und „Krah Krah!“ rief.

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