Tag 740. Impuls.

Kerkhoven blieb während der Fahrt schweigsam. Sonderbarerweise hatte dieses Schweigen nichts Bedrückendes für Etzel Andergast. Er empfand weder Unbehagen noch Verlegenheit, hatte auch nicht, wie es in solchen Situationen häufig vorkommt, den leeren Impuls, etwas zu sagen, weil man sonst mitsamt dem andern plötzlich in ein finsteres Loch fällt. Nach seinen Beobachtungen beruhte die Angst der meisten Menschen vor dem Schweigen darauf, dass jeder die Gedanken des andern fürchtet wie eine Beleidigung, vor der man sich nur durch pausenloses Reden und Fragen schützen kann.

Jakob Wassermann, Etzel Andergast

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Tag 736. Phantasiewelt.

Sie werden daran gemahnt, daß wir Menschen mit den hohen Ansprüchen unserer Kultur und unter dem Drucke unserer inneren Verdrängungen, die Wirklichkeit ganz allgemein unbefriedigend finden und darum ein Phantasieleben unterhalten, in welchem wir durch Produktionen von Wunscherfüllungen die Mängel der Realität auszugleichen lieben. […] Der energische und erfolgreiche Mensch ist der, dem es gelingt, durch Arbeit seine Wunschphantasien in Realität umzusetzen. Wo dies nicht gelingt infolge der Widerstände der Außenwelt und der Schwäche des Individuums, da tritt die Abwendung von der Realität ein, das Individuum zieht sich in seine befriedigendere Phantasiewelt zurück, deren Inhalt es im Falle der Erkrankung in Symptome umsetzt. […] Wenn die mit der Realität verfeindete Person im Besitze der uns psychologisch noch rätselhaften künstlerischen Begabung ist, kann sie ihre Phantasien anstatt in Symptome in künstlerische Schöpfungen umsetzen, so dem Schicksal der Neurose entgehen und die Beziehung zur Realität auf diesem Umwege wiedergewinnen.

Sigmund Freud. Über Psychoanalyse.

Tag 734. Königsadler.

Zukunft!

Es kommt die wunderschöne Zeit

da in den Königshallen

der Freiheit neuer Glaube wird

am Marmor widerschallen.

Wo sich in Lieb’ ein Volk ergeht

Alleen auf und nieder;

wo ungebundner Fortschritt blüht –

und blühen tausend Lieder!

Wo Menschen nur noch Menschen sind

und sich unendlich lieben,

und wo die Arbeit, die jetzt weint

zur höchsten Lust getrieben. –

Wo Leidenschaft und edles Tun

sind inniglich verbunden.

Es wird der freien Zeiten Glück

ein frei Geschlecht bekunden!

Es kommt die wunderschöne Zeit

wovon wir Lieder singen. – –

Den Königsadler „Geist“ hör ich

schon kühn die Flügel schwingen.

Robert Walser, Gedichte

Tag 733. Lächeln.

Doch dieses Lächeln sah ich nicht mehr ganz zu Ende, denn Scham drehte mich plötzlich herum. Erst an diesem Lächeln also hatte ich erkannt, daß das ein Bauernfänger war, nichts weiter. Und ich war doch schon Monate lang in dieser Stadt, hatte geglaubt, diese Bauernfänger durch und durch zu kennen […] Und ihre Mittel waren stets die gleichen: Sie stellten sich vor uns hin, so breit sie konnten; suchten uns abzuhalten von dort, wohin wir strebten; bereiteten uns zum Ersatz eine Wohnung in ihrer eigenen Brust, und bäumte sich endlich das gesammelte Gefühl in uns auf, nahmen sie es als Umarmung, in die sie sich warfen, das Gesicht voran.

Auszug aus: Franz Kafka. Entlarvung Eines Bauernfängers. In: Betrachtung.

Tag 732. Gemeinschaftsgerede.

Und doch hätte er den Kongress nicht ernsthafter und vollkommener behandeln können, denn er empfand einen Abscheu vor dem Gemeinschaftsgerede und glaubte ja wirklich, dass eine Gemeinschaft unmöglich sei, solange die Menschen sich nicht veränderten.
„Natürlich“, hörte er Dr. Wolff sagen, „hängt alles von einer Veränderung unserer Einrichtungen im Sinne des Sozialismus ab.“
Lautlos tauchte Wolff auf, wie eine Erscheinung in einem Zauberstück, und Fräulein Samuel war eine Hexe, die ununterbrochen nickte. Um der Vernichtung seiner heimlichen Gedanken zu entgehen, setzte sich Georg gegen die Angreifer zur Wehr.
„Und die Menschen“, fragte er Wolff, „was nützen die veränderten Einrichtungen, wenn die Menschen dieselben bleiben?“
Siegfried Kracauer, Georg

Tag 731. Frevelschuld.

Der Frevelschuld alter Zeiten
Denk ich, der rastlos gestraften,
Die fortgewährt ins dritte Glied,
Da trotz Phoibos‘ Willen Laios –
Obschon ihn dreimal gewarnt
Der pythischen Weltmitte Spruch,
Daß, wenn er stürbe kinderlos, seine Stadt er rettete –,

Aischylos: Die Sieben gegen Theben (hier: Chor)