Tag 730. Nervenreize.

Es gibt vielleicht keine seelische Erscheinung, die so unbedingt der Großstadt vorbehalten wäre, wie die Blasiertheit.

Sie ist zunächst die Folge jener rasch wechselnden und in ihren Gegensätzen eng zusammengedrängten Nervenreize, aus denen uns auch die Steigerung der großstädtischen Intellektualität hervorzugehen schien; weshalb denn auch dumme und von vornherein geistig unlebendige Menschen nicht gerade blasiert zu sein pflegen.

Wie ein maßloses Genußleben blasiert macht, weil es die Nerven so lange zu ihren stärksten Reaktionen aufregt, bis sie schließlich überhaupt keine Reaktion mehr hergeben – so zwingen ihnen auch harmlosere Eindrücke durch die Raschheit und Gegensätzlichkeit ihres Wechsels so gewaltsame Antworten ab, reißen sie so brutal hin und her, daß sie ihre letzte Kraftreserve hergeben und, in dem gleichen Milieu verbleibend, keine Zeit haben, eine neue zu sammeln.

Die so entstehende Unfähigkeit, auf neue Reize mit der ihnen angemessenen Energie zu reagieren, ist eben jene Blasiertheit, die eigentlich schon jedes Kind der Großstadt im Vergleich mit Kindern ruhigerer und abwechslungsloserer Milieus zeigt.

Georg Simmel: Die Großstädte und das Geistesleben

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Tag 729. eindringlich.

Wenn Sie sich Zeit nehmen und einmal Goethe eindringlicher als normalerweise lesen, kommt Ihnen am Ende das Gelesene lächerlich vor, ganz gleich, was es ist, Sie brauchen es nur öfter als normalerweise lesen, es wird unweigerlich lächerlich und selbst das Gescheiteste ist am Ende eine Dummheit. Wehe, Sie lesen eindringlicher, Sie ruinieren sich alles, was Sie lesen.

Thomas Bernhard, Alte Meister

Tag 728. auflösen.

Mit diesen Augen, hatte es an Bord geheißen, könne ein Wal zwei verschiedene Bilder gleichzeitig erfassen, gleichzeitig zwei verschiedene Welten.

Die Riesin sah mich an, nein: streifte mich mit ihrem Blick und änderte dann ihren Kurs um einen Hauch, gerade so viel, dass wir einander nicht berührten. Aber obwohl sie mir mit dieser Andeutung einer Seitwärtsbewegung auswich und damit mein Dasein immerhin wahrnahm und anerkannte, glaubte ich in ihrem Blick eine so abgrundtiefe Gleichgültigkeit zu sehen – vergleichbar der eines Berges gegenüber dem, der ihn besteigt, der des Himmels gegenüber dem, der ihn durchfliegt -, dass mich ein Gefühl überkam, als müsste ich mich unter diesen Augen ohne den geringsten Rest auflösen, müsste unter diesen Augen verschwinden, so, als hätte ich nie gelebt.

Christoph Ransmayr, Atlas eines ängstlichen Mannes

Tag 727. Tyrannis.

Stoizismus war auch, oft genug, die Auslieferung an eine innere Tyrannis. Die Gewalt, der man außen entgeht, tut man sich innen an. Dass man sein eigener Herr ist, verrät, dass man auch sein eigener Sklave ist. Man setzt die Tyrannen frei – und tyrannisiert sich.

Ludwig Marcuse, Die Philosophie des Un-Glücks

Tag 726. Kraftquelle.

Sich darauf besinnen, was man eigentlich möchte. Das Bewusstsein der begrenzten, ablaufenden Zeit als Kraftquelle, um sich eigenen Gewohnheiten und Erwartungen, vor allem aber den Erwartungen und Drohungen der anderen, entgegenzustemmen. Als etwas also, das die Zukunft öffnet und nicht verschließt. So verstanden ist das Memento eine Gefahr für die Mächtigen, die Unterdrücker, die es so einzurichten suchen, dass die Unterdrückten mit ihren Wünschen kein Gehör finden, nicht einmal vor sich selbst.

Pascal Mercier, Nachtzug nach Lissabon

Tag 725. begrenzt.

Es liegt in der Natur der menschlichen Seele, selbst der schwächsten, dass nach einer heftigen Aufregung immer ein Gefühl der Ruhe folgt; denn wenn die Empfindungen auch unendlich sind, unsere Fähigkeiten, sie zu ertragen, sind begrenzt.

Honoré de Balzac, Die Sühnemesse – Eine Episode aus der Schreckenszeit

Tag 724. Vorkommnisse.

Sie haben da erwähnt, wir lebten in einer großen Zeit, und ich war natürlich nicht gefasst auf eine große Zeit, wer könnte das auch ahnen, solang er noch in den Kindergarten oder in die ersten Schulklassen geht, später natürlich, auch in der Schule, oder gar auf der Universität war von überraschend vielen großen Zeiten die Rede, von großen Vorkommnissen, großen Menschen, großen Ideen …

Ingeborg Bachmann, Malina

Tag 721. abwesend.

Da aus Herrn Valentins Brummen hervorging, dass er in Ermangelung von Aufträgen jetzt nur im Hinterzimmer wohnte, abonnierte sich Ginster auf eine Fachzeitschrift und schrieb Bewerbungsgesuche, in denen der Lebenslauf eine ganze Seite füllte. Dass sein Leben schon eine solche Länge hatte, überraschte ihn um so mehr, als er bei den in den Gesuchen angegebenen Ereignissen immer abwesend gewesen war. Man lernte den eigenen Ablauf erst aus den Bewerbungen kennen.

Siegfried Kracauer, Ginster