Tag 551. wehren.

Der Antisemitismus […] hat die Seelen vieler Kinder vergiftet. Der Unterschied bei uns war, dass meine Mutter immer auf dem Standpunkt stand: Man darf sich nicht ducken. Man muss sich wehren.
Hannah Arendt im Gespräch mit Günter Gaus
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Tag 506. Kluft.

(… Man braucht nur an die Selbstdisziplin, die Nüchternheit und den strengen Charakteradel zu denken, die im Altertum den Menschentypus auszeichnete, der von der epikureischen oder stoischen Schule geprägt war, um sich die Kluft zu vergegenwärtigen, die diese Strömungen von dem modernen Puritanismus, Sensualismus und Hedonismus trennt. Und für diesen grundlegenden Unterschied ist es nahezu gleichgültig, ob der moderne Charaktertyp noch von der älteren, engstirnigen, fanatischen Selbstgerechtigkeit der Puritaner geprägt ist oder bereits auseinandergefallen ist in die Euphorien und Depressionen, das hilflose Getriebensein von ständig wechselnden Stimmungen, das für den neueren, sich alles gestattenden Egozentrismus so charakteristisch geworden ist.)

Hannah Arendt, Vita activa oder Vom tätigen Leben

Tag 435. Kalkül.

Im Modus des Herstellens zu handeln, bzw. in der Form eines Kalküls mit Konsequenzen zu denken, heißt, das Unerwartete und damit das Ereignis selbst auszuschalten, da es ja unvernünftig bzw. irrational wäre, sich auf das einzurichten, was nicht mehr ist als ein „unendlich Unwahrscheinliches“. Da aber, jedenfalls auf dem Gebiet menschlicher Angelegenheit, das Ereignis die eigentliche Konsistenz der Wirklichkeit und darüber hinaus sogar das Wirklichwerden eines Wirklichen konstituiert, ist es höchst unrealistisch, gerade mit ihm nicht zu rechnen, d.h. nicht darauf gefasst zu sein, dass sich etwas ereignen wird, was kein Kalkül vorausgesehen hat.

Hannah Arendt, Vita activa oder Vom tätigen Leben

Tag 280. Misstrauen.

Die mannigfaltigen Spielarten der Weltentfremdung im Altertum – vom Stoizismus über den Epikureismus zu Hedonismus und Zynismus – lassen sich alle auf ein tiefes Weltmisstrauen zurückführen, auf den Impuls, sich vor der Welt zu verbergen und zu retten, um der Not und den Gefahren zu entgehen, die sie birgt, und sich auf ein Inneres zurückzuziehen, in dessen Bereich das Selbst nur mit sich selbst konfrontiert ist. Was diesen Strömungen aber in der Neuzeit entspricht, also der Puritanismus, der Sensualismus und schließlich Benthams Hedonismus, entspringt einem Misstrauen des Menschen gegen sich selbst und lässt sich auf den Zweifel zurückführen, der die Wirklichkeitskapazität der Sinne, die Wahrheitskapazität der Vernunft und damit die Vollkommenheit der menschlichen Natur überhaupt in Frage stellte; ihr Ausgangspunkt ist nicht die Verderbtheit der Welt, sondern die Unzulänglichkeit und Verderbtheit der Menschennatur.

Hannah Arendt: Vita activa. Oder vom tätigen Leben.

Tag 180. Tausch.

Der Tauschmarkt ist der öffentliche Raum von Homo faber, der ihm ermöglicht, das Werk seiner Hände zur Schau zu stellen und die ihm gebührende Achtung und Hochschätzung zu empfangen. Diese Neigung, was man gemacht hat, vorzuzeigen, und was man kann, auch direkt vorzumachen, ist vermutlich dem Menschen nicht weniger ursprünglich zu eigen als der Trieb, ein Ding gegen ein anderes einzutauschen und einzuhandeln, der nach Adam Smith den Menschen vom Tier unterscheidet.

Hannah Arendt, Vita activa oder Vom tätigen Leben

Tag 166. un_lust.

Das Prinzip des Hedonismus ist […] nicht Lust, sondern das Vermeiden der Unlust, und Hume […] wusste sehr wohl, dass das wahre Leitprinzip des Hedonismus nicht die Lust ist, sondern der Schmerz, nicht die Begierde, sondern die Furcht. „Wenn man fragt, warum Gesundheit begehrt wird, wird die Antwort sofort lauten, weil Krankheit Schmerz bereitet. Fragt man weiter und wünscht zu erfahren, warum Schmerz verabscheut wird, so wird es sich als unmöglich erweisen, hierfür einen Grund anzugeben. Dies ist ein absolutes Ziel, das in keinem Bezugszusammenhang zu irgendeinem anderen intendierten Gegenstand steht.“¹ Der Grund für diesen eigentümlichen Sachverhalt ist, dass nur der Schmerz, aber niemals die Lust, völlig gegenstandslos ist, dass der Schmerz überhaupt der einzige Zustand ist, in dem man in der Tat nichts fühlt als sich selbst; die Lust dagegen genießt nicht sich selbst, sondern ihren Gegenstand. Schmerz ist der einzige, wirklich absolut innere Sinn, der es an Gegenstandslosigkeit durchaus mit logischen und mathematischen Schlussfolgerungen aufnehmen und dessen Kraft zu überwältigen sich durchaus dem Zwang ihrer Evidenz vergleichen kann.

Hannah Arendt, Vita activa oder Vom tätigen Leben

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Tag 151. Initiative.

Der Held, um den sich eine Geschichte zentriert und dessen Person die Geschichte aufdeckt, bedarf keiner heroischen Eigenschaften. Der Heros ist ursprünglich bei Homer nur der freie Mann, der als solcher teilhat an dem Krieg um Troja und von dem daher eine Geschichte zu erzählen ist. Der Mut, den wir heute als unerlässlich für einen Helden empfinden, gehört bereits, auch wenn er kein heroischer Mut in unserem Sinne ist, zum Handeln und Sprechen als solchen, nämlich zu der Initiative, die wir ergreifen müssen, um uns auf irgendeine Weise in die Welt einzuschalten und in ihr die uns eigene Geschichte zu beginnen.

Hannah Arendt, Vita activa oder Vom tätigen Leben

Tag 112. Liebhaberei.

Marx hat, wenn auch mit ganz ungerechtfertigter Genugtuung, das „Absterben“ des öffentlichen Bereichs unter den Bedingungen einer ungehemmten Entwicklung der „gesellschaftlichen Produktivkräfte“ richtig vorausgesagt; und er hat auch recht behalten mit seiner kuriosen Voraussage, dass das vergesellschaftete Animal laborans seinen Überschuss an Freizeit, also seine teilweise Befreiung von der Arbeit, nicht dazu benutzen würde, sich der Freiheit der Welt zuzuwenden, sondern seine Zeit im wesentlichen mit den privaten und weltunbezogenen Liebhabereien vertun werde, die wir Hobby nennen.¹

Hannah Arendt: vita activa – oder vom tätigen Leben

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Tag 65. Ohnmacht.

Wer, aus welchen Gründen immer, die Isolierung sucht und an diesem Zusammen nicht teilhat, muss zumindest wissen, dass er auf Macht verzichtet und die Ohnmacht gewählt hat, ungeachtet dessen, wie groß seine individuelle stärke und wie gut seine Gründe sein mögen.

Hannah Arendt, Vita activa oder Vom tätigen Leben