Tag 535. Zeichen.

Seit uns die Namen in die Dinge wiegen,
wir Zeichen geben, uns ein Zeichen kommt,
ist Schnee nicht nur die weiße Fracht von oben,
ist Schnee auch Stille, die uns überkommt.

Ingeborg Bachmann, Aus: Von einem Land, einem Fluß und den Seen. V

Tag 492. liegend.

4. Frage: …….? (Zum zweiten Mal.
Antwort: Bücher? Ja, ich lese viel, ich habe immer schon viel gelesen. Nein, ich weiß nicht, ob wir einander verstehen. Ich lese am liebsten auf dem Fußboden, auch auf dem Bett, fast alles liegend, nein, es geht dabei weniger um die Bücher, es hat vor allem mit dem Lesen zu tun, mit Schwarz auf Weiß, mit den Buchstaben, den Silben, den Zeilen, diesen unmenschlichen Fixierungen, den Zeichen, diesen Festlegungen, diesem zum Ausdruck erstarrten Wahn, der aus den Menschen kommt.
Ingeborg Bachmann, Malina

Tag 438. unteilbar.

Eins sollst du wissen:
erst wenn du nicht mehr versuchst,
wie viele vor dir, mit dem Degen
den unteilbaren Himmel zu trennen,
treibt der Lorbeer ein Blatt.

Ingeborg Bachmann, Sämtliche Gedichte. Aus: Einem Feldherrn

Tag 433. bleiben.

Aber in der Nacht und allein entstehen die erratischen Monologe, die bleiben, denn der Mensch ist ein dunkles Wesen, er ist nur Herr über sich in der Finsternis und am Tag kehrt er zurück in die Sklaverei.

Ingeborg Bachmann, Malina

Tag 408. ungefragt.

An langen Tagen sät man uns ungefragt
in jene krummen und geraden Linien,
und Sterne treten ab. Auf den Feldern
gedeihen oder verderben wir wahllos,
gefügig dem Regen und zuletzt auch dem Licht.

Ingeborg Bachmann, Aus: Sterne im März. In: Sämtliche Gedichte