Tag 725. begrenzt.

Es liegt in der Natur der menschlichen Seele, selbst der schwächsten, dass nach einer heftigen Aufregung immer ein Gefühl der Ruhe folgt; denn wenn die Empfindungen auch unendlich sind, unsere Fähigkeiten, sie zu ertragen, sind begrenzt.

Honoré de Balzac, Die Sühnemesse – Eine Episode aus der Schreckenszeit
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Tag 710. unerschöpflich.

Seit seiner Geburt […] konnte er die Welt wie eine Wüste sehen und sich an das Gefühl der Besinnung auf sich selbst gewöhnen, das uns ermöglicht, allein zu leben und das Glück in uns selbst zu suchen, indem wir die unerschöpflichen Quellen des Geistes erschließen.

Honoré de Balzac, Das verfluchte Kind

Tag 682. überflüssig.

An einem Aprilabend des Jahres 1308 kehrte Tirechair ungewöhnlich verdrossen heim. Seit drei Tagen fand er bei dem Treiben auf den Straßen alles in Ordnung. Nichts aber brachte ihn als Hüter der Ordnung mehr auf, als sich überflüssig zu sehen.

Honoré de Balzac, Die Verbannten

Tag 569. Schmutzwinkel der Poesie.

Wenn freilich die feuchten, dunklen Sakristeien, wo die Gebete wie Pfeffer oder Zucker zugewogen und nach Gewicht bezahlt werden, nicht auf der Welt wären und ebensowenig die Magazine der Trödler, wo Lumpen und Fetzen sich umhertreiben als die Symbole der Erbärmlichkeit alles Lebens im allgemeinen und unserer Illusionen im besonderen – wenn diese zwei Schmutzwinkel der Poesie nicht geschaffen wären, dann bliebe die Schreibstube eines Anwalts das scheußlichste aller Gemächer, wo Menschen zusammenkommen. Aber sind denn die Spielhöllen, die Säle in den Gerichten, die Kabinettlein der öffentlichen Häuser oder die Lotteriebureaus etwas Besseres? Nein, es ist das gleiche. Und warum? Vielleicht deshalb, weil hier das Drama der menschlichen Seele sich in ihrem Innern abspielt.

Honoré de Balzac: Oberst Chabert

Tag 386. recht nach Mädchenart

Die Nonnen von Poissy hatten also die Gewohnheit, wenn ihre Dame Äbtissin, […] die Tochter des Königs, schlafen gegangen war […] daß die Horen der Nönnchen, derjenigen mit glattem Kinn und lustigem Sinn, ihren stillen Anfang nahmen. Geräuschlos schlüpften und huschten sie aus ihren Zellen und schlichen auf den Zehen nach dem Kämmerlein irgendeiner Schwester, die von allen ganz besonders geliebt wurde. Da gab es dann ein Getuschel und Gemuschel, ein Gezirp und Gezwitscher, gewürzt mit Konfitüren, Zuckerwerk und Schleckertrünkchen, mit mutwilligen Stänkereien und Zänkereien, recht nach Mädchenart; sie foppten und agierten die Alten, ließen in unschuldiger Weise ihren Unwillen an ihnen aus, erzählten sich Geschichten zum Totlachen, kurz, trieben tausenderlei Schabernack. Sie maßen ihre Füße aneinander, um die kleinsten und zierlichsten herauszufinden, sie verglichen die Rundheit ihrer Hüften und Arme, sie stellten fest, welche Nase die unangenehme Gewohnheit hatte, nach dem Essen sich zu röten, sie zählten ihre Sommersprossen, zeigten sich ihre Muttermale und stritten sich, welche unter ihnen die zarteste, weißeste Haut und den zierlichsten Wuchs hätte. Ihr könnt euch denken, daß es unter diesen Bräuten Gottes allerlei gab, rundliche und glatte, steckensteife und geschmeidige, übervolle und überschlanke, von jeder erdenkbaren Art eben. Dann wieder stritten sie, welche unter ihnen am wenigsten Stoff zu ihrem Gürtel brauchte, und diejenige, die am wenigsten spannte, war ganz glücklich, ohne eigentlich zu wissen, warum. Sie erzählten sich ihre Träume und kleinen Beobachtungen, und oft hatte eine oder die andre, manchmal auch alle, vom Schlüssel der Abtei geträumt. Dann wieder befragten sie sich untereinander wegen ihrer kleinen Wehwehs. Da hatte die eine den Finger verschunden; die andre hatte den Nagelfluß; diese war aufgewacht mit einem Blutäderchen im Weiß des Auges; jene hatte sich beim Beten des Rosenkranzes den Daumen ausgerenkt. Jede hatte ihren kleinen Schmerz.

Honoré de Balzac, Die dreißig tolldreisten Geschichten, Seltsame Reden der Nonnen von Poissy, Übersetzung Benno Rüttenauer

Tag 263. Leere.

Ein einziges Wort sagt alles: sie waren ebenso arm wie vornehm. … Beide besaßen sie die gezierte, süßsauere Würde von Leuten, die wissen, was sie davon zu halten haben, wenn ihnen jeder eifrig sein Mitgefühl ausdrückt und sein Interesse versichert; sie haben die Leere der tröstlichen Zusprüche ermessen, mit denen die Welt die Unglücklichen bedenkt.

Honoré de Balzac, Verlorene Illusionen

Tag 222. auskosten.

Eine kleine Zahl von Liebhabern ist es, Menschen, die niemals unbedacht vor sich hin gehen, die ihr Paris auskosten, die seine Physiognomie so genau kennen, dass ihnen eine Warze, ein Pickel, ein rotes Fleckchen an ihr auffällt. Den übrigen ist Paris ewig das monströse Wunder, eine erstaunliche Ansammlung von Bewegungen, Maschinen und Gedanken, die Stadt der hunderttausend Romane, das Haupt der Welt. Für jene aber, die ich meine, ist Paris traurig oder lustig, hässlich oder schön, lebendig oder tot; für sie ist Paris ein Lebewesen, jeder Mensch, jede Häuserzeile ein Stück des Zellgewebes der großen Kurtisane, deren Kopf, Herz und wunderliche Sitten sie bis ins letzte kennen.

Honoré de Balzac, Die Geschichte der Dreizehn, Ferragus

Tag 212. gewohnt.

Es geschieht oft, dass Leidenschaften, die mit fliegenden Fahnen ins Feld rückten und eine Glut entfalteten, die alles über den Haufen zu rennen schien, zu guter Letzt ohne Sieg heimkehren, beschämt, entwaffnet, der ganze Aufwand war umsonst. Das sind Dinge, die sich manchmal aus der Furchtsamkeit der Jugend und aus dem Zögern erklären lassen, in dem sich Anfängerinnen gefallen; man wird diesse Methode, sich gegenseitig irrezuführen, weder bei dem Geck finden, der die Praxis kennt, noch bei der Kokette, die an die Kniffe der Leidenschaft gewohnt ist.

Honoré de Balzac: Verlorene Illusionen

Tag 197. Pflichten

Ich kenne ihn, er gehört zu denen, die am liebsten ernten, ohne zu arbeiten. Die Pflichten der Gesellschaft werden seine Zeit aufzehren, und die Zeit ist das wichtigste Kapital derer, die nur ihre Intelligenz haben, um vorwärtszukommen. Er liebt es zu glänzen, die Welt wird Begierden in ihm erzeugen, für die keine Summe ausreicht; er wird Geld ausgeben, aber nicht verdienen. Und schließlich haben Sie ihn daran gewöhnt, sich für etwas Großes zu halten; aber bevor die Welt irgendeine Überlegenheit anerkennt, verlangt sie blendende Erfolge. In der Literatur erlangt man einen Erfolg nur mit Hilfe der Einsamkeit und hartnäckiger Arbeit.

Honoré de Balzac: Verlorene Illusionen. Hier: David zu Eva über Lucien