Tag 69. Zeche.

Indessen hatten sich mehrere andere Bekannte dazugesellt, der neue Zahlmeister ließ Wein für sie alle bringen, und Frau Hentjen zog sich zurück. Angewidert musste sie feststellen, dass Esch es nicht unterließ, die Kellnerin Hede jedes Mal abzutasten, wenn sie beim Tische vorbeiging, und wie er sie schließlich neben sich nötigte, damit sie mit ihnen trinke.

Aber es war eine große Zeche, und als die Herren nach Mitternacht aufbrachen und Hede mitnahmen, steckte sie ihr ein Markstück zu.

Hermann Broch: Die Schlafwandler. Der zweite Roman. 1903. Esch oder die Anarchie

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Tag 68. Keime.

Sie verschwand in die Küche, die Pendeltür zitterte noch eine Zeitlang, und stumpf verfolgte Esch das Zittern, bis der Türflügel zur Ruhe kam. Dann versuchte er zu schlafen. Aber nun spürte er die Kälte des Raums. Er ging auf und ab und entschloss sich, die warme Küche aufzusuchen.
Esch betrachtete sie, wie sie am Herde hantierte und hätte ihr gerne unter die Brüste gegriffen, doch der Ruf ihrer Unnahbarkeit ließ den Wunsch im Keime ersticken.
„Sie wollen wohl in die Töpfe riechen?“

Hermann Broch: Die Schlafwandler. Der zweite Roman. 1903. Esch oder die Anarchie

Tag 66. Ekel.

In dem Braunseidenen, mit dem sie sich sonst erst abends zu bekleiden pflegte, hatte Frau Hentjen den Nachmittag bei einer Freundin verbracht, und nun wurde sie von ihrem gewohnten Zorn gepackt, als sie heimkommend dieses Haus wieder vor sich sah und dieses Lokal, in dem ihr Leben hinzubringen sie nun schon so lange gezwungen war.
Wäre sie nicht durch ihr Korsett behindert gewesen, sie hätte sich vor Ekel geschüttelt, als sie ihres Hauses ansichtig wurde, so sehr hasste sie die Männer, die darin verkehrten, und die sie zu bedienen hatte. Obzwar sie vielleicht noch mehr die Frauen hasste, die immer wieder so albern waren und den Männern nachliefen.
Oben im ersten Stock lag ihre gute Stube. Übergroß nahm sie mit ihren drei Fenstern nach der Gasse die ganze Hausbreite über dem Wirtslokal und dem Hausflur ein.
Im Hintergrund, dort, wo unten das Buffet stand, bildete die Stube eine Art Alkoven, der mit einem verschlossenen lichten Vorhang abgegrenzt war; hob man den Vorhang, so konnte man, wenn sich der Blick an das Dunkel gewöhnt hatte, drinnen die Ehebetten erkennen.
Aber Frau Hentjen benützte diesen Raum nicht, und niemand wusste, ob er je benützt worden war. Ein derartig großes Zimmer lässt sich auch nur schwer und nur unter bedeutenden Kosten erheizen. Und so war es Frau Hentjen nicht zu verdenken, dass sie die kleinere Stube oberhalb der Küche zum Wohn- und Schlafgemach erwählt hatte, hingegen den verdunkelten Saal und seine Eiseskälte zum Aufbewahren leicht verderblicher Waren verwendete. Auch die Nüsse, welche Frau Hentjen im Herbste einzuhandeln pflegte, waren dort untergebracht, und lagen in schütterer Schicht auf dem Fußboden, über den zwei breite grüne Linoleumstreifen kreuzweise verliefen.
Als sie in die Wirtsstube trat, in der schon der dicke Tabakrauch hing, überkam sie wie fast alltäglich jene angstvolle Erstarrung, die kaum verständlich, dennoch nur schwer zu bemeistern war. Sie ging zum Spiegel und betastete mechanisch den blonden Zuckerhut auf ihrem Kopfe, zupfte das Kleid zurecht, und erst als sie sich ihres vorteilhaften Äußeren versichert hatte, kehrte die Ruhe zurück.
Geyring war bereits da.

Hermann Broch: Die Schlafwandler. Der zweite Roman. 1903. Esch oder die Anarchie