Tag 634. Dummheit.

„Nun, Herr X., Sie sind aber heute still!?“ Dem René ahnte, dass er am Montag vor acht Tagen, bei jenem lebhaften Auftritte am oberen Absatz der Strudlhofstiege, einen ähnlichen Mechanismus in den Major unfreiwillig eingebaut, der Setzung eines Gewohnheitsrechtes bereits Vorschub geleistet hatte. (Aus diesem einzigen und keinem anderen Grunde bleibt es ja immer eine Dummheit, in Gesellschaft etwas anderes als äußerste Langeweile anzubieten.)

Heimito von Doderer, Die Strudlhofstiege. Oder: Melzer und die Tiefe der Jahre

Tag 626. etappenweise.

Es war mit diesem Toten so, als stürbe er nur langsam in Melzer, schub- und etappenweise, als wäre immer noch ein Stück nicht empfundenen Schmerzes, nicht getrauerter Trauer einzuholen.

Heimito von Doderer, Die Strudlhofstiege. Oder: Melzer und die Tiefe der Jahre

Tag 619. vorübergehen.

Aber, es konnte ja vorübergehen. Diese qualvolle Leere konnte sich schließen, sich wieder füllen, ihn wieder tragen. Melzer übertrieb, indem er die Erscheinung als ein Vereinzeltes so im Gefühle heraushob (und jedes einzelweise Nennen ist bereits ein Übertreiben, ein Absondern der Sachen vom Flusse des Lebens, ja, wesentlich übertreiben wir schon, wenn wir nur irgendein Ding etwas schärfer in’s Auge fassen).

Heimito von Doderer, Die Strudlhofstiege. Oder: Melzer und die Tiefe der Jahre

Tag 539. Hohlspiegelartiges.

Er gehörte zu jenen Leuten, deren Sein etwas Konkaves, Hohlspiegelartiges an sich hat. Man ist da immer geneigt, Brennpunkte des Geistes zu vermuten bis nicht das Gegenteil evident wird. Wer viel schweigt, hört und sieht viel, ohne Zweifel. Aber dass solche Zurückhaltung einfach einem erstaunlichen Mangel an Feuer entspringen könne, nimmt zunächst niemand an.

Heimito von Doderer, Die Strudlhofstiege oder Melzer und die Tiefe der Jahre

Tag 509. Lust.

Bei allem muss Lust sein, man braucht sie zum Leben wie die Luft. Bei allem. […] Nur wer Lust empfindet, beherrscht die Lage, und umgekehrt. […] Jene Lust ist die Wollust, welche bei der Vermählung des Lebens mit der Erkenntnis entsteht. Fehlt sie, dann steht das Wissen in den leeren Raum wie abgebrannte Dachsparren. Aber zum Erkennen wird vorausgesetzt, dass man eine Sache so sein lässt, wie sie nach ihrem Wesen sein will, ohne daran herum zu zerren und zu zupfen, zu hacken, zu glätten oder zu schlichten, oder das Ding überhaupt loswerden zu wollen.

Heimito von Doderer, Die Strudlhofstiege. Oder: Melzer und die Tiefe der Jahre. Hier: René Stangeler

Tag 466. Spuren

Wir hinterlassen unsere Spuren aneinander. Es müssen nicht immer Narben von Säbelduellen sein. Seit damals also besaß er keine mehr (René – Hosenträger).

[…]

Die Leute müssen alles selbst erleben, sonst verstehen sie gar nichts.

Heimito von Doderer, Die Strudlhofstiege oder Melzer und die Tiefe der Jahre