Tag 279. Mittlerin.

Zweifel soll damals in mehreren Briefen eine wissenschaftliche Arbeit skizziert haben, deren Titel ihm bei blühendem Heuschnupfen eingefallen sein mag: „Über die Schnecke als Mittlerin zwischen Melancholie und Utopie.“ – Zweifels Briefe – er soll sich auf Walter Benjamin berufen haben – und die Antworten seines Briefpartners sind – so weitschweifig ich gesucht habe – unauffindbar. […]

Er wird sie als Schwestern gesehen haben. Wie Melancholie und Utopie einander Ursache nennen. Wie die eine die andere flieht und verleugnet. Wie sie einander Ausflucht vorwerfen. Wie zwischen beiden die Schnecke vermittelt: pünktlich, unbeteiligt und zynisch, wie Zwischenträger es sein können.

Günter Grass. Tagebuch einer Schnecke

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Tag 173. als ob.

Als habe der Fortschritt den Stillstand zum Echo. Als sei die Melancholie das Unterfutter der Utopie. Als hindere unverkäuflich den Läufer ein Klotz. Als begrüße am Endziel Schwermut den Sieger. Als leide die Welt unter Heuschnupfen und chronisch nicht nur Zweifel allein.

Günter Grass: Aus dem Tagebuch einer Schnecke