Tag 628. zuschaun.

Marschallin allein
[…] Was erzürn‘ ich mich denn? ist doch der Lauf der Welt.
Kann noch auch an ein Mädel erinnern,
die frisch aus dem Kloster ist in den heiligen Ehestand kommandiert word’n.
Nimmt den Handspiegel
Wo ist die jetzt? Ja, such dir den Schnee vom vergangenen Jahr.
Das sag‘ ich so:
Aber wie kann das wirklich sein,
daß ich die kleine Resi war
und daß ich auch einmal die alte Frau sein werd! . .
Die alte Frau, die alte Marschallin!
»Siegst es, da geht’s, die alte Fürstin Resi!«
Wie kann denn das geschehen?
Wie macht denn das der liebe Gott?
Wo ich doch immer die gleiche bin.
Und wenn er’s schon so machen muß,
warum lasst er mich denn zuschau’n dabei,
mit gar so klarem Sinn? Warum versteckt er’s nicht vor mir?
Das alles ist geheim, so viel geheim.
Und man ist dazu da, daß man’s ertragt.
Und, in dem »Wie« da liegt der ganze Unterschied –

Hugo von Hofmannsthal: Der Rosenkavalier

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Tag 513. schmeißt.

Antonia: Gegen mich kommt keiner auf, auch du nicht. Ich kann ja so zornig werden, so zornig, dass es mich schmeißt nach links und rechts, wenn es über mich kommt.

Hugo von Hofmannsthal, Cristinas Heimreise

Tag 359. Jedermann.

Stimmen
Jedermann! Jedermann! Jedermann!

[…]

Jedermann hebt sich angstvoll
Nun aber sag um Gott, mein Lieb,
Was brennen die Lichter also trüb?
Und wer kommt hinter mir heran?
Auf Erden schreitet so kein Mann.

Der Tod steht da in einiger Entfernung. Alle Gäste auf.

Tod
Ei Jedermann! ist so fröhlich dein Mut?
Hast deinen Schöpfer ganz vergessen?

[…]

Jedermann die Augen gesenkt tritt hinter sich
Was will mein Gott von mir?

Tod
Das will ich dich weisen.
Abrechnung will er halten mit dir. Unverweilt!

Jedermann mit einem jähen Trotz
Ganz und gar bin ich unbereit
Für solch ein Rechnung legen.
Müßt ich das tun, da käm ich in Not
Auch kenn ich dich nit, was bist du für ein Bot?

Lautloses Flüchten: Die Spielleut. Buhlschaft ihre Kleider hebend.

Tod
Ich bin der Tod, ich scheu keinen Mann
Tret jeglichen an und verschone keinen.

Es flüchten viele.

Jedermann
Bist du derselbig, hör mich an.
Ich bin ein mächtig reicher Mann.
Die Sach soll aufgeschoben sein.
Nur dies tu! Willst’s nit? Tust’s nit?

Tod
Nein.
[…]

Hugo von Hofmannsthal. Jedermann. Das Spiel vom Sterben des reichen Mannes


Vorwort v. H.v. Hofmannsthal

Die deutschen Hausmärchen, pflegt man zu sagen, haben keinen Verfasser. Sie wurden von Mund zu Mund weitergetragen, bis am Ende langer Zeiten, als Gefahr war, sie könnten vergessen werden oder durch Abänderungen und Zutaten ihr wahres Gesicht verlieren, zwei Männer sie endgültig aufschrieben. Als ein solches Märchen mag man auch die Geschichte von Jedermanns Ladung vor Gottes Richterstuhl ansehen. Man hat sie das Mittelalter hindurch an vielen Orten in vielen Fassungen erzählt; dann erzählte sie ein Engländer des fünfzehnten Jahrhunderts in der Weise, daß er die einzelnen Gestalten lebendig auf eine Bühne treten ließ, jeder die ihr gemäßen Reden in den Mund legte und so die ganze Erzählung unter die Gestalten aufteilte. Diesem folgte ein Niederländer, dann gelehrte Deutsche, die sich der lateinischen oder der griechischen Sprache zu dem gleichen Werk bedienten. Ihrer einem schrieb Hans Sachs seine Komödie vom sterbenden reichen Mann nach. Alle diese Aufschreibungen stehen nicht in jenem Besitz, den man als den lebendigen des deutschen Volkes bezeichnen kann, sondern sie treiben im toten Wasser des gelehrten Besitzstandes. Darum wurde hier versucht, dieses allen Zeiten gehörige und allgemeingültige Märchen abermals in Bescheidenheit aufzuzeichnen. Vielleicht geschieht es zum letztenmal, vielleicht muß es später durch den Zugehörigen einer künftigen Zeit noch einmal geschehen.

 

Tag 332. Fähigkeit.

Mein Fall ist, in Kürze, dieser: Es ist mir völlig die Fähigkeit abhanden gekommen, über irgend etwas zusammenhängend zu denken oder zu sprechen.

Zuerst wurde es mir allmählich unmöglich, ein höheres oder allgemeineres Thema zu besprechen und dabei jene Worte in den Mund zu nehmen, deren sich doch alle Menschen ohne Bedenken geläufig zu bedienen pflegen. Ich empfand ein unerklärliches Unbehagen, die Worte »Geist«, »Seele« oder »Körper« nur auszusprechen. Ich fand es innerlich unmöglich, über die Angelegenheiten des Hofes, die Vorkommnisse im Parlament oder was Sie sonst wollen, ein Urtheil herauszubringen. Und dies nicht etwa aus Rücksichten irgendwelcher Art, denn Sie kennen meinen bis zur Leichtfertigkeit gehenden Freimut: sondern die abstrakten Worte, deren sich doch die Zunge naturgemäß bedienen muß, um irgendwelches Urtheil an den Tag zu geben, zerfielen mir im Munde wie modrige Pilze.

Hugo von Hofmannsthal: Ein Brief (auch: Brief des Lord Chandos an Francis Bacon)

 

Tag 306. konserviert

Stani: Eines versteh’ ich aber doch nicht, Onkel Kari, dass du mit dieser Reife und konserviert wie du bist, nicht heiratest.
Hans Karl: Jetzt?
Stani: Ja, eben jetzt. Denn der Mann, der kleine Abenteuer sucht, bist du doch nicht mehr. Weißt du, ich würde natürlich sofort begreifen, dass sich jede Frau heut’ noch für dich interessiert. Aber die Toinette hat mir erklärt, warum ein Interesse für dich nie serios wird.
Hans Karl: Ah!
Stani: Ja, sie hat viel darüber nachgedacht. Sie sagt: du fixierst nicht, weil du nicht genug Herz hast.
Hans Karl: Ah!
Stani: Ja, dir fehlt das Eigentliche. Das, sagt sie, ist der enorme Unterschied zwischen dir und mir. Sie sagt: du hast das Handgelenk immer geschmeidig, um loszulassen, das spürt eine Frau, und wenn sie selbst im Begriff gewesen wäre, sich in dich zu verlieben, so verhindert das die Kristallisation.
Hans Karl: Ah, so drückt sie sich aus?
Stani: Das ist ja ihr großer Charme, dass sie eine Konversation hat. Weißt du, das brauch’ ich absolut: eine Frau, die mich fixieren soll, die muss außer ihrer absoluten Hingebung auch eine Konversation haben.
Hans Karl: Darin ist sie delizios.

Hugo von Hofmannsthal, Der Schwierige