Tag 629. leugnen.

Frau Amtsgerichtsrat: Also tuns nur nicht viel leugnen und zeigens Ihnen nicht gescheiter als wie der Richter ist. Mein Mann ist ja ein braver Mensch, aber tuns die Verhandlung nur ja nicht in die Länge ziehn durch unnötige Verteidigung!! Wenn ich zuhaus beim Mittagessen sitz und vergeblich auf ihn wart und er kann nicht weg, weil die Sitzung so lang dauert, dann hört auch bei ihm das Verständnis auf – Wissens, die Angeklagten müssen halt auch ein Einsehen haben, daß schließlich der Richter auch nur ein Mensch ist.

Ödön von Horváth: Glaube Liebe Hoffnung

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Tag 400. Wirbel.

Stille.

Die Mutter streicht ihm langsam über das Haar: Das ist schön von dir, mein lieber Alfred – daß du nämlich deine liebe Mutter nicht total vergessen hast, lieber Alfred –

Alfred Aber wieso denn total vergessen? Ich war ja schon längst immer wieder herausgekommen, wenn ich nur dazu gekommen wär – aber heutzutag kommt doch schon keiner mehr dazu, vor lauter Krise und Wirbel! Wenn mich jetzt mein Freund, der Hierlinger Ferdinand, nicht mitgenommen hätt mit seinem Kabriolett, wer weiß, wann wir uns wiedergesehen hätten!

Die Mutter Das ist sehr aufmerksam von deinem Freund, dem Herrn von Hierlinger.

Alfred Er ist überhaupt ein reizender Mensch. In einer guten halben Stund holt er mich wieder ab.

Die Mutter Schon?

Alfred Leider!

Die Mutter Dann iß bitte nicht die ganze sauere Milch zusammen, ich hab sonst nichts da zum Antragen –

Alfred Der Hierlinger Ferdinand darf ja gar keine sauere Milch essen, weil er eine chronische Nikotinvergiftung hat. Er ist ein hochanständiger Kaufmann. Ich hab öfters mit ihm zu tun.

Die Mutter Geschäftlich?

Alfred Auch das.

Stille.

Ödön von Horváth: Geschichten aus dem Wiener Wald – Volksstück in drei Teilen

 

Tag 373. erholen.

»Prego den Paß!« sagte der italienische Paßbeamte. Er sprach gebrochen Deutsch, höflich, aber bestimmt. »Wohin fahren Sie, Signor Kobler?« fragte er. »Nach Barcelona«, sagte der Signor. »Sie fahren also nach Italien«, meinte der Paßbeamte. »Ja«, sagte der Signor. Und nun geschah etwas Mysteriöses. Der Paßbeamte wandte sich ernst seinem Begleiter zu, einem Paßunterbeamten, und sagte auf italienisch: »Er fährt nach Italien.« Der Paßunterbeamte nickte würdevoll: »Soso, nach Italien fährt er«, meinte er gedehnt und kam sich wichtiger vor als Mussolini persönlich, während sich der Oberpaßbeamte bereits mit dem nächsten Reisenden beschäftigte. »Sie fahren nach Italien?« fragte er. »Jawohl«, sagte der nächste Signor. Er hieß Albert Hausmann. »Und warum fahren Sie nach Italien?« fragte der Oberpaßbeamte. »Ich will mich in Italien erholen«, sagte der Signor Hausmann. »Sie werden sich in Italien erholen!« sagte der Oberpaßbeamte stolz. »Hoffentlich!« meinte der Erholungsbedürftige, worauf sich der Oberpaßbeamte wieder seinem Begleiter zuwandte: »Er will sich in Italien erholen«, sagte er. »Vielleicht auch nicht!« meinte der Paßunterbeamte lakonisch und blickte den Erholungsbedürftigen mißtrauisch an, denn er erinnerte ihn an einen gewissen Isidore Niederthaler in Brixen, dessen Weib als politisch verdächtig auf der faschistischen schwarzen Liste stand. Das Weib hat einen prächtigen Hintern, dachte der Paßunterbeamte.

Ödön von Horváth: Der ewige Spießer. Herr Kobler wird Paneuropäer

Tag 341. Pessimist.

Karoline: Wenn du so traurig bist, dann werd ich auch traurig.

Kasimir: Ich bin kein trauriger Mensch.

Karoline: Doch. Du bist ein Pessimist.

Kasimir: Das schon. Ein jeder intelligente Mensch ist ein Pessimist.

Ödön von Horváth: Kasimir und Karoline

Ich empfehle (wie jedes Zitierte) das Stück im Ganzen, viele gibt es auch online bei:
http://gutenberg.spiegel.de/buch/kasimir-und-karoline-2903/2

Tag 301. klein.

Ich möchte wieder klein sein.
Wenn die Wolken niedrig hängen, wenn es donnert, wenn es hagelt.
Wenn der Tag dunkel wird.
Und es fällt mir meine erste Liebe ein. Ich möcht sie nicht wiedersehen.
Geh heim!
Und es fällt mir die Bank ein, auf der ich saß und überlegte: was willst du werden? Lehrer oder Arzt?
Lieber als Arzt wollte ich Lehrer werden. Lieber als Kranke heilen, wollte ich Gesunden etwas mitgeben, einen winzigen Stein für den Bau einer schöneren Zukunft.
Die Wolken ziehen, jezt kommt der Schnee.
Geh heim!
Heim, wo du geboren wurdest. Was suchst du noch auf der Welt?
Mein Beruf freut mich nicht mehr.
Geh heim!

Ödön von Horváth, Jugend ohne Gott

Tag 3. Das Stolpern.

Auch der Herr Pschorr stieg aus und stolperte dabei über ein vierjähriges Kind.

Öha, meinte er.

Und das Kind brüllte fürchterlich, denn der Herr Pschorr hätte es fast zertreten. Dann fuhr der D-Zug wieder weiter.

Ödön von Horváth, Kleine Leute: Timotheus Pschorr aus Pathenkirchen