Tag 732. Gemeinschaftsgerede.

Und doch hätte er den Kongress nicht ernsthafter und vollkommener behandeln können, denn er empfand einen Abscheu vor dem Gemeinschaftsgerede und glaubte ja wirklich, dass eine Gemeinschaft unmöglich sei, solange die Menschen sich nicht veränderten.
„Natürlich“, hörte er Dr. Wolff sagen, „hängt alles von einer Veränderung unserer Einrichtungen im Sinne des Sozialismus ab.“
Lautlos tauchte Wolff auf, wie eine Erscheinung in einem Zauberstück, und Fräulein Samuel war eine Hexe, die ununterbrochen nickte. Um der Vernichtung seiner heimlichen Gedanken zu entgehen, setzte sich Georg gegen die Angreifer zur Wehr.
„Und die Menschen“, fragte er Wolff, „was nützen die veränderten Einrichtungen, wenn die Menschen dieselben bleiben?“
Siegfried Kracauer, Georg
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Tag 721. abwesend.

Da aus Herrn Valentins Brummen hervorging, dass er in Ermangelung von Aufträgen jetzt nur im Hinterzimmer wohnte, abonnierte sich Ginster auf eine Fachzeitschrift und schrieb Bewerbungsgesuche, in denen der Lebenslauf eine ganze Seite füllte. Dass sein Leben schon eine solche Länge hatte, überraschte ihn um so mehr, als er bei den in den Gesuchen angegebenen Ereignissen immer abwesend gewesen war. Man lernte den eigenen Ablauf erst aus den Bewerbungen kennen.

Siegfried Kracauer, Ginster

 

Tag 707. schief.

„Als vorhin die Essiggürkchen so pedantisch den Schinken verzierten, fiel mir eine Geschichte aus meiner Kindheit ein. Vor dem Einschlafen pflegte sich im Bett regelmäßig das Folgende mit mir zu ereignen: ich legte zuerst den Kopf für eine gewisse Zeit auf die Seite, auf der ich gewöhnlich schlief. Dann wandte ich mich um und kehrte mich der anderen Seite zu; wobei ich darauf achtete, dass ich in der mir unbequemen Lage ungefähr ebenso lang wie in der früheren verharrte. Erst nach Erledigung dieses täglichen Bettpensums schien mir zu schlafen erlaubt. Wenn meine Mutter, die mich abends fast immer besuchte, nach dem Grund des ihr unerklärlichen Verhaltens fragte, antwortete ich lakonisch: ‚Von wegen schief‘. Sie hat mir die Begebenheit oft erzählt, und noch heute neckt sie mich manchmal mit dem Wort. Ich glaube, dass es zu mir passt. Meinst du nicht auch?“

Siegfried Kracauer, Ginster, hier: Otto

Tag 678. fort.

„Ich wollte, du wärest wieder fort“, hatte Ginster als Kind zum Vater gesagt. Der Vater reiste in Stoffen, feiner englischer Ware, die er selbst nicht trug. Am Sonntagnachmittag ging er mit der Familie spazieren, immer derselbe Spaziergang, Ginster hasste die Straßen am Sonntag. Sie gingen durch das Westend, wo die Villen und die Herrschaftshäuser sich in ihre Vorgärten zurückziehen, damit der Asphalt sie nicht streift.

Siegfried Kracauer, Ginster

 

Tag 661. froh.

„[…] Dabei sind doch sicher eine Menge Geschlechtskranker in unserem Zug. Warum sie sich vor der Untersuchung drücken, verstehe ich nicht, es ist ja keine Schande, geschlechtskrank zu sein. Andere wären froh, wenn sie ins Lazarett müssten statt an die Front.“

Siegfried Kracauer, Ginster

Tag 648. einzelne.

In dem Menschenstrom wurde Ginster mitgeschleift. Herren mit dicken Schlipsen, Studenten und Arbeiter sprachen sich an. Unsere Armeen, sagten sie. Wir sind überfallen worden, wir werden es den andern schon zeigen. Sie waren auf einmal ein Volk. […]

Ginster hatte niemals Völker kennengelernt, immer nur Leute, einzelne Menschen.

Siegfried Kracauer, Ginster