Tag 678. fort.

„Ich wollte, du wärest wieder fort“, hatte Ginster als Kind zum Vater gesagt. Der Vater reiste in Stoffen, feiner englischer Ware, die er selbst nicht trug. Am Sonntagnachmittag ging er mit der Familie spazieren, immer derselbe Spaziergang, Ginster hasste die Straßen am Sonntag. Sie gingen durch das Westend, wo die Villen und die Herrschaftshäuser sich in ihre Vorgärten zurückziehen, damit der Asphalt sie nicht streift.

Siegfried Kracauer, Ginster

 

Tag 661. froh.

„[…] Dabei sind doch sicher eine Menge Geschlechtskranker in unserem Zug. Warum sie sich vor der Untersuchung drücken, verstehe ich nicht, es ist ja keine Schande, geschlechtskrank zu sein. Andere wären froh, wenn sie ins Lazarett müssten statt an die Front.“

Siegfried Kracauer, Ginster

Tag 648. einzelne.

In dem Menschenstrom wurde Ginster mitgeschleift. Herren mit dicken Schlipsen, Studenten und Arbeiter sprachen sich an. Unsere Armeen, sagten sie. Wir sind überfallen worden, wir werden es den andern schon zeigen. Sie waren auf einmal ein Volk. […]

Ginster hatte niemals Völker kennengelernt, immer nur Leute, einzelne Menschen.

Siegfried Kracauer, Ginster

 

Tag 608. Broterwerb.

 

Als die Frage der Berufswahl näher rückte, wussten alle Klassenkameraden, was sie werden wollten. Am liebsten wäre er gar nichts geworden, aber zu Hause bestanden sie auf einen Broterwerb. Jeder Mensch habe einen Beruf und das erste selbstverdiente Geld mache glücklich. Er hätte sich glücklicher gefühlt, wenn ihm das Geld geschenkt worden wäre, doch in Amerika besaß die Familie nur einen armen Verwandten.

Siegfried Kracauer, Ginster