Tag 240. befriedigt.

Er variierte nicht seinen Gruß, bevor er ging, er trat wie immer auf den dämmrigen Flur, lauschte, rief gegen die geschlossenen Türen: Tschüss, nech!, erhielt von keiner Seite eine Antwort, war jedoch nicht verblüfft oder enttäuscht darüber, sondern tat so, als hätte man ihm geantwortet, denn er nickte befriedigt, zog mich nickend zur Haustür, wandte sich noch einmal an der Schwelle um und machte eine unbestimmte Geste des Abschieds, bevor der Wind uns aus dem Türrahmen riss.

Siegfried Lenz, Deutschstunde

Tag 108. Nachahmung.

Später wunderte er sich darüber, dass das, was wir durch Anschauung miterleben, die Macht hat, uns in unserem Verhalten zu regieren, uns zur Nachahmung anzustiften.

Siegfried Lenz, Ein Entwurf

Tag 102. Leser.

…, er las mit einem Bleistift in der Hand und unterstrich, was ihm bemerkenswert erschien. Wenn man ihn zu dieser Zeit gefragt hätte, was er einmal werden wollte, hätte er wohl arglos gesagt: Leser, am liebsten Leser.

Siegfried Lenz, Ein Entwurf

Tag 96. Rücksichtslosigkeit.

Diese Rücksichtslosigkeit schien sich zu lohnen, denn nach einer Weile – stell dir vor – sahst du glücklich aus, zum ersten Mal in zwei Jahren; glücklich, das heißt: du ertrugst dich. Das soll nicht wahr sein? Dann musst du dir abgewöhnen, nur ein Unglück als Wahrheit anzusehen.

Siegfried Lenz, Ball der Wohltäter

Tag 93. Enttäuschung.

Er wird vom Platz gehen, und heute und morgen werden sie von ihm sprechen, sie werden sich erinnern, dass sie ihm ihr Vertrauen, ihre Hoffnungen übertrugen und ihn unterstützten, als hinge von seinem Sieg auch ihr Sieg ab, und dann werden sie sich eingestehen müssen, dass er sie enttäuscht hat. Und sie werden sich vornehmen, das nächste Mal umsichtiger zu sein in der Wahl ihres Mannes, denn Siege sind schneller vergessen als Enttäuschungen, sie vergessen sich leichter.

Siegfried Lenz, Brot und Spiele

Tag 55. Angst.

Mein Bruder kauerte dort mit all seiner Angst, und es war diese Angst, die nicht nur jede Frage unnötig machte, sondern auch alles zugab: den Ausbruch aus dem Gefangenenlazarett, die Umwege vor Streifen und Kontrollen, nächtliche Fahrt und Wanderung hier herauf, langes Sichern, geduckten Lauf – seine Angst erzählte alles über ihn.

Siegfried Lenz: Deutschstunde