Tag 727. Tyrannis.

Stoizismus war auch, oft genug, die Auslieferung an eine innere Tyrannis. Die Gewalt, der man außen entgeht, tut man sich innen an. Dass man sein eigener Herr ist, verrät, dass man auch sein eigener Sklave ist. Man setzt die Tyrannen frei – und tyrannisiert sich.

Ludwig Marcuse, Die Philosophie des Un-Glücks

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Tag 718. Unterlegensein.

Die Eremiten waren der konsequenteste Versuch, dem Unterlegensein zu entgehn. Sie flohen von dem Bezirk, in dem es wuchert, bis ans Ende der Welt. Da es bald ein Ende nicht mehr geben wird – die Erde wird bis in die fernste Ecke angefüllt sein mit Macht – ist der Eremit eine aussterbende Möglichkeit; übrigens hat es ihn auch bisher kaum gegeben, er war immer schon nur ein Klausner.

Ludwig Marcuse, Die Philosophie des Un-Glücks

Tag 693. Trotz.

Alfred Adler sagte: „Wissen Sie, wie man den Schlüssel zu allen Neurosen findet? Man fragt: wer soll zerspringen? Das ist immer der Zweck. Alle sind sie irgendeinem zum Trotz krank.“

Ludwig Marcuse, Philosophie des Un-Glücks

Tag 687. verklärend.

Eine der großen Tröstungen lautet: alle Menschen … „Es hat etwas Tröstliches für mich“, schrieb Nikolaus Lenau in einem Brief, „wenn ich in meinem Privatunglück den Familienzug lese, der durch alle Geschlechter der armen Menschen geht. Mein Unglück ist mir mein Liebstes, und ich betrachte es gerne im verklärenden Lichte eines allgemeinen Verhängnisses.“

Ludwig Marcuse, Philosophie des Un-Glücks

Tag 683. vernichten.

Die Schaden-Freude, die Freude am Schaden, hat hier, in der Zerstörung der unerreichbaren Trauben, eine ihrer tiefsten Wurzeln. Der denkbar umfassendste Schaden wäre der Untergang der Welt. Die immer wiederkehrende Vorstellung vom Welt-Untergang ist unter anderem wohl auch der Wunsch nach dem Untergang einer Welt, die einem das Glück versagt. Der Destruktiv-Trieb […] ist zu einem nicht geringen Grade der Trieb, die unerreichbaren süßen Früchte zu vernichten.

Ludwig Marcuse, Philosophie des Glücks

Tag 662. Zerstreuung

Was die christlichen Philosophen den „Sündenfall“ nennen, bezeichnet die Literatur, deren Mythos mit der Katastrophe beginnt, mit den weniger farbigen Wendungen: Ablenkung, Zerstreuung, Nicht-Authenzitität; Heidegger nennt, was man einst „Sündenfall“ nannte: das Untergehen des Echten im „Man“. Das Leben ist nichts wert – für alle Kreaturen; aber die meisten leben in der Zerstreuung und wissen nichts davon.

Ludwig Marcuse, Philosophie des Unglücks

Tag 620. Sedative.

[…] Über-Triebe leben hinter den Übertreibungen. Aber sie waren auch immer Sedative. Je mehr gelitten wird, um so mehr Hilfe ist notwendig; die Übertreibung ist eine. Von der Art, über die bald nachzudenken ist – vor der Frage: wie man mit dem fertiggeworden ist, mit dem man nicht fertig werden konnte. Die Übertreibung ist auch das Heil der Gestalter und aller derer, die sie aufnehmend imitieren – der Konsumenten, wie die Rezeptiven genannt werden im Zeitalter der Ökonomik.

Ludwig Marcuse, Philosophie des Un-Glücks

Tag 618. Inselhaftigkeit.

Die Erfahrung des Todes ist gebunden an die Erfahrung des Ich: seine Universalität und Inselhaftigkeit. […] Je stärker ein Ich ist (das heißt: eine Welt, die viel mehr da ist als alle konstruierten Universen, von denen er angeblich ein Teil ist): desto stärker ist auch der Tod da als die Drohung, dieses realste All zu sprengen.

Ludwig Marcuse, Philosophie des Un-Glücks