Tag 737. irgend etwas.

Ich will nicht, dass irgend jemand irgend etwas von mir erwartet, sagte er dann und stampfte mit dem Fuß auf. Und warum zum Teufel fällt es mir so schwer, mich abzugrenzen?

Pascal Mercier, Nachtzug nach Lissabon

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Tag 726. Kraftquelle.

Sich darauf besinnen, was man eigentlich möchte. Das Bewusstsein der begrenzten, ablaufenden Zeit als Kraftquelle, um sich eigenen Gewohnheiten und Erwartungen, vor allem aber den Erwartungen und Drohungen der anderen, entgegenzustemmen. Als etwas also, das die Zukunft öffnet und nicht verschließt. So verstanden ist das Memento eine Gefahr für die Mächtigen, die Unterdrücker, die es so einzurichten suchen, dass die Unterdrückten mit ihren Wünschen kein Gehör finden, nicht einmal vor sich selbst.

Pascal Mercier, Nachtzug nach Lissabon

Tag 621. Wucht.

Ich erzittere beim bloßen Gedanken an die ungeplante und unbekannte, doch unausweichliche und unaufhaltsame Wucht, mit der Eltern in ihren Kindern Spuren hinterlassen, die sich, wie Brandspuren, nie mehr werden tilgen lassen. Die Umrisse des elterlichen Wollens und Fürchtens schrieben sich mit glühendem Griffel in die Seelen der Kleinen, die voller Ohnmacht sind und voller Unwissen darüber, was mit ihnen geschieht. Wir brauchen ein Leben lang, um den eingebrannten Text zu finden und zu entziffern, und wir können nie sicher sein, dass wir ihn verstanden haben.

Pascal Mercier, Nachtzug nach Lissabon

 

Tag 601. Schutzwall.

Solidão por proscrição, Einsamkeit durch Ächtung, hatte Prado notiert. Wenn uns die anderen Zuneigung, Achtung und Anerkennung entziehen: Warum können wir nicht einfach zu ihnen sagen: „Ich brauche das alles nicht, ich genüge mir selbst“? Ist es nicht eine schreckliche Form von Unfreiheit, dass wir das nicht können? Macht es uns nicht zu Sklaven der anderen? Welche Empfindungen kann man dagegen aufbieten als Damm, als Schutzwall? Von welcher Art muss die innere Festigkeit sein?

Pascal Mercier, Nachtzug nach Lissabon

Tag 545. zählen.

SAUDADE PARADOXAL. Widersinnige Sehnsucht. An 1922 Tagen habe ich das Liceu betreten, in das mich mein Vater schickte, das strengste im ganzen Land, wie man sagte. „Du brauchst ja kein Gelehrter zu werden“, sagte er und versuchte ein Lächeln, das wie meistens misslang. Schon am dritten Tag war mir klar, dass ich die Tage zählen musste, um von ihnen nicht zermalmt zu werden.

Pascal Mercier, Nachtzug nach Lissabon

Tag 510. besessen.

Wenn er sich selbst gegenüber nur nicht so rücksichtslos ehrlich gewesen wäre! So besessen vom Kampf gegen Selbsttäuschungen! Die Wahrheit über sich selbst ist dem Menschen zumutbar, pflegte er zu sagen.

Pascal Mercier, Nachtzug nach Lissabon

Tag 451. knapp.

Wenn die Zeit knapp wird, gelten keine Regeln mehr. Und dann sieht es aus, als sei man übergeschnappt und reif für die Klapsmühle. Doch im Grunde ist es umgekehrt: Dort gehören diejenigen hin, die nicht wahrhaben wollen, dass die Zeit knapp wird. Diejenigen, die weitermachen, als sei nichts.

Pascal Mercier, Nachtzug nach Lissabon

 

Tag 397. ausprobieren.

Er stand neben dem Apparat und probierte Sätze aus, die er sagen könnte. Seit heute Vormittag spüre ich, dass ich aus meinem Leben noch etwas anderes machen möchte. Dass ich nicht mehr euer Mundus sein will. Ich habe keine Ahnung, was das Neue sein wird. Aber es duldet keinen Aufschub, nicht den geringsten. Meine Zeit nämlich verrinnt, und es könnte sein, dass nicht mehr viel davon übrig ist. 

Pascal Mercier, Nachtzug nach Lissabon

Tag 121. Selbstbild.

Geht es den anderen auch so? Dass sie sich in ihrem Äußeren nicht wiedererkennen? Dass ihnen das Spiegelbild wie eine Kulisse voll von plumper Verzerrung vorkommt? Dass sie mit Schrecken einen Abgrund bemerken zwischen der Wahrnehmung, die die anderen von ihnen haben, und der Art, wie sie sich selbst erleben, dass die Vertrautheit von innen und die Vertrautheit von außen so weit auseinanderliegen können, dass sie kaum mehr als Vertrautheit mit demselben gelten können?

Pascal Mercier: Nachtzug nach Lissabon