Tag 543. finster.

Er hatte Augenblicke, wo ihm das Leben im Institute völlig gleichgültig wurde. Der Kitt seiner täglichen Sorgen löste sich da, und die Stunden seines Lebens fielen ohne innerlichen Zusammenhang auseinander.
Er saß oft lange – in finsterem Nachdenken – gleichsam über sich selbst gebeugt.
Robert Musil: Die Verwirrung des Zöglings Törleß
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Tag 412. unsagbar.

 Und plötzlich bemerkte er – und es war ihm, als geschähe dies zum ersten Male – wie hoch eigentlich der Himmel sei.
Es war wie ein Erschrecken. Gerade über ihm leuchtete ein kleines, blaues, unsagbar tiefes Loch zwischen den Wolken.
Ihm war, als müsste man da mit einer langen, langen Leiter hineinsteigen können. Aber je weiter er hineindrang und sich mit den Augen hob, desto tiefer zog sich der blaue, leuchtende Grund zurück. Und es war doch, als müsste man ihn einmal erreichen und mit den Blicken ihn aufhalten können. Dieser Wunsch wurde quälend heftig.
[…] „Das Unendliche!“ Törleß kannte das Wort aus dem Mathematikunterricht. Er hatte sich nie etwas Besonderes darunter vorgestellt. […] Und nun durchzuckte es ihn wie mit einem Schlage, dass an diesem Worte etwas furchtbar Beunruhigendes hafte. Es kam ihm vor wie ein gezähmter Begriff, mit dem er täglich seine kleinen Kunststückchen gemacht hatte und der nun plötzlich entfesselt worden war. Etwas über den Verstand gehendes, Wildes, Vernichtendes schien durch die Arbeit irgendwelcher Erfinder hineingeschläfert worden zu sein und war nun plötzlich aufgewacht und wieder fruchtbar geworden. Da in diesem Himmel, stand es nun lebendig über ihm und drohte und höhnte.
Robert Musil: Die Verwirrung des Zöglings Törleß

Tag 328. preisgegeben.

 „[…] Ich fühlte, dass ich allein sei. Es war plötzlich so still. Und als ich um mich blickte, war mir, als stünden die Bäume schweigend im Kreise und sähen mir zu. Ich weinte, ich fühlte mich so verlassen von den Großen, den leblosen Geschöpfen preisgegeben … Was ist das? Ich fühle es oft wieder. Dieses plötzliche Schweigen, das wie eine Sprache ist, die wir nicht hören.“
Robert Musil: Die Verwirrung des Zöglings Törleß

Tag 94. Angriffslust.

Mit der seelischen Beweglichkeit, die einfach eine sehr mannigfaltige Anlage zur Voraussetzung hat, verbindet sich bei ihm noch eine gewisse Angriffslust. Er ist ein männlicher Kopf. Er ist nicht empfindsam für andere Menschen und hat sich selten in sie hinein versetzt, außer um sie für seine Zwecke kennen zu lernen. Er achtet Rechte nicht, wenn er nicht den achtet, der sie besitzt. Und das geschieht selten.

Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften

Tag 44: Darstellung.

Und Ulrich, der gegen geschmacklose Entblößungen des Gemüts empfindlich war, erinnerte sich in diesem Augenblick daran, dass die meisten Menschen – also, um es rund heraus zu sagen: die Durchschnittsmenschen, deren Geist gereizt ist, ohne etwas schaffen zu können, diesen Wunsch hegen, sich darstellen zu dürfen. Sie sind es ja auch in denen so leicht Unaussprechliches vorgeht …

Robert Musil: Der Mann ohne Eigenschaften

Tag 34. Strenge.

Aber Siegmund … wiederholte bloß unbeirrt: „Es ist sicher zu ihrem eigenen Vorteil, wenn du dir nicht zu viel von ihr gefallen lässt. Nervöse Menschen bedürfen einer gewissen Strenge.“

Robert Musil: Der Mann ohne Eigenschaften

Tag 13. Verneinung.

Denn es hat sich mit der Zeit eine gewisse Bereitschaft zur Verneinung in ihm entwickelt, eine biegsame Dialektik des Gefühls, die ihn leicht dazu verleitet, ihn etwas, das allgemein gut geheißen wird, einen Schaden zu entdecken, dagegen etwas Verbotenes zu verteidigen und Pflichten mit dem Unwillen abzulehnen, der aus dem Willen zur Schaffung eigener Pflichten hervorgeht.

Robert Musil, der Mann ohne Eigenschaften