Tag 728. auflösen.

Mit diesen Augen, hatte es an Bord geheißen, könne ein Wal zwei verschiedene Bilder gleichzeitig erfassen, gleichzeitig zwei verschiedene Welten.

Die Riesin sah mich an, nein: streifte mich mit ihrem Blick und änderte dann ihren Kurs um einen Hauch, gerade so viel, dass wir einander nicht berührten. Aber obwohl sie mir mit dieser Andeutung einer Seitwärtsbewegung auswich und damit mein Dasein immerhin wahrnahm und anerkannte, glaubte ich in ihrem Blick eine so abgrundtiefe Gleichgültigkeit zu sehen – vergleichbar der eines Berges gegenüber dem, der ihn besteigt, der des Himmels gegenüber dem, der ihn durchfliegt -, dass mich ein Gefühl überkam, als müsste ich mich unter diesen Augen ohne den geringsten Rest auflösen, müsste unter diesen Augen verschwinden, so, als hätte ich nie gelebt.

Christoph Ransmayr, Atlas eines ängstlichen Mannes

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Tag 503. unverrückbar.

Cyparis, der selbst nur aufgerichtet nur den Gebeugten, den Krüppeln und auf die Knie Gezwungenen von Angesicht zu Angesicht gegenüberstand und dem ein Hofhund groß wie ein Kalb war, sehnte sich in diesem Dunkel nach Schlankheit, nach Größe und Erhabenheit. Aufragen wollte er. Und Cyparis, der sein Gespann durch mehr Städte und durch die Hochmoore und Einöden tiefer in die Fremde geführt hatte, als sich ein Erzkocher in Tomi auch nur vorzustellen vermochte, sehnte sich dann nach der Tiefe der Erde und gleichzeitig nach der Höhe der Wolken, nach einem unverrückbaren Ort unter einem unverrückbaren Himmel.

Christoph Ransmayr: Die letzte Welt

Tag 219. taub.

Und Menschen erhoben sich aus dem Morast; aus jedem Tümpel eine Schar. Die von Pyrrha geschleuderten Kiesel wurden zu Frauen, und Männer aus dem Schotter Deucalions. Schwankend und wortlos erstand ein unüberschaubares Heer nackter Gestalten und blickte auf die letzten von Menschen geborenen Menschen nieder, die wimmernd auf ihr Floß zurückgesunken waren und die Hände vors Gesicht schlugen, um diee leeren Augen nicht ertragen zu müssen. Und immer noch brodelte das Wasser, warf Blasen, wurden die Reihen dichter …

Aus einem Steinhagel, schrie Echo, werde nach der kommenden, allesvernichtenden Flut die neue Menschheit hervorgehen, – diese Zukunft habe ihr Naso an einem Wintertag aus dem Feuer gelesen, aus jedem Kiesel ein Ungeheuer! Schrie Echo, Menschen aus Stein habe der Verbannte seiner Welt prophezeit. Was aber aus dem Schlick eines an seiner wölfischen Gier, seiner Blödheit und Herrschsucht zugrundegegangenen Geschlechts hervorkriechen werde, das habe Naso die eigentliche und wahre Menschheit genannt, eine Brut von mineralischer Härte, das Herz aus Basalt, die Augen aus Serpentin, ohne Gefühle, ohne eine Sprache der Liebe, aber auch ohne jede Regung des Hasses, des Mitgefühls oder der Trauer, so unnachgiebig, so taub und dauerhaft wie die Felsen dieser Küste.

Christoph Ransmayr: Die letzte Welt

Tag 189. jeder.

Aber mit welcher Leidenschaft sich auch Proserpina um ihren Bräutigam bemühte – an seiner mürrischen Schwermut konnte ihre Liebe nichts ändern. Denn seitdem er sich von Hufen und vom Krieg zerschlagen aus dem Koma wieder erhoben hatte und ein ungeschütztes Herz unter seinen Narben trug, lebte Thies in Wahrheit nur noch für die Toten. So wirksam sich seine Arzneien und Tinkturen auch erwiesen, in seinem Innersten blieb er doch davon überzeugt, dass den Lebenden nicht mehr zu helfen war, dass es keine Grausamkeit und keine Erniedrigung gab, die nicht jeder von ihnen in seinem Hunger, seiner Wut, Angst oder bloßen Dummheit verüben und erleiden konnte; jeder war zu allem fähig.

Christoph Ransmayr: Die letzte Welt