Tag 698. greifen.

Es braucht viele Jahre, bis mir aufgeht, dass das, was ein Aufschreiber mit dem, was er aufschreibt, erreichen will, nicht mit Händen zu greifen sein darf.

Erwin Strittmatter, Lebenszeit (ursprünglich aus: Der Laden. 2. Teil)

Tag 79. Eingesetzt.

Ich grüßte und nickte Ernstle ein wenig zu. Ich war neu für das Dorf und seine Vorwerke. Ich war bestrebt, mich bei den Dorfbewohnern beliebt zu machen. Ich weiß, wie lange das dauert, und dass es mancher nie geschafft hat. Meine Kindheit als Sohn eines Dorfladenbesitzers sprang hervor. Wozu, sagt? Ich war doch nicht darauf angewiesen, dass die Dorfleute zu mir kaufen kamen. Aber so tief sind die elterlichen Hinweise in einen eingeschnitten, und dort sitzen sie, ewig und lebenslang vorhanden, wie die Narben der Pockenschutzimpfung am Oberarm. Es war tödlich, unfreundlich zu den Dorfleuten zu sein, selbst wenn sie vorübergehend nicht bei uns, sondern im Nachbardorf kauften. “Wenn uns die Leite schneiden wirste missen hungern und in geflickte Hosen betteln gehen.” Die Mutter drohte und hatte nur eine kleine Ausnahme in die Drohung eingebaut: “Leite, die bei uns ne lange Latte ham und ewig nich bezohlen, brauchste nicht grade freindlich grießn, sagste gar nischt oder machstn Bogen umse.” Dieses mir in der Kindheit eingesetzte Freundlich-Sein zu den Leuten setzte selbsttätig ein, als ich Ernstle in dem Dorf traf, in dem ich zehn Morgen Sand und Moorwiese, eine klapprige Kate und eine bucklige Scheune mit einem drangeklebten Scheußhäuschen erworben hatte. In dem Dorf, in dem ich heimisch werden wollte. Ich weiß nicht, diese Rechenvorgänge spielen sich in einem vielleicht so heimlich und unsichtbar ab wie in einem Computer. Vielleicht hieß es drin in mir, ganz leise und ohne in mein Bewusstsein zu dringen: “Grieß die Leite und sei freindlich, vielleicht koofen se deine Bücher.”

Erwin Strittmatter: Vor der Verwandlung