Tag 384. wild.

„Mag sein. Aber dennoch erscheint mir das seltsam; ebenso, wie es mir jetzt wunderlich vorkommt, daß wir Landbewohner uns bestreben, möglichst schnell zu essen, um wieder in Stand gesetzt zu sein zu arbeiten, während ich jetzt mit dir zusammen so lange als möglich speise, und zu diesem Zwecke noch Austern esse.“

„Läßt sich begreifen,“ sagte Stefan Arkadjewitsch, „aber hierin liegt ja eben der Ausgangspunkt der Kultur: aus allem sich einen Genuß zu verschaffen.“

„Wenn dies das Ziel der Kultur sein soll, dann wünschte ich lieber wild zu bleiben.“

Leo Tolstoi. Anna Karenina

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Tag 254. Schreckliches.

„War das nun schlecht oder gut?“ fragte sich Pierre. „… Was ist schlecht? Was ist gut? Was soll man lieben, was soll man hassen? Weshalb muss man leben, und was bin ‚ich‘? Was ist das Leben? Was ist der Tod? Was für eine Kraft regiert alles?“, so fragte er sich.
Und er fand auf keine dieser Fragen eine Antwort, außer der einen unlogischen Antwort, die eigentlich gar nicht auf diese Fragen passte. Diese Antwort lautete: „Wenn du stirbst, hat alles ein Ende. Wenn du stirbst, dann wirst du alles erfahren, oder du wirst aufhören zu fragen.“ Aber auch das Sterben war etwas Schreckliches.

Leo N. Tolstoi, Krieg und Frieden

Tag 160. Arbeitsteilung.

Ach nein, ich bin kein Gegner der Ehe; ich bin nur ein Freund der Arbeitsteilung. Leute, die sonst nichts hervorzubringen vermögen, sollen Menschen hervorbringen, die anderen aber sollen sich deren Aufklärung und Beglückung widmen.

Leo N. Tolstoi: „Anna Karenina“

Tag 150. Widerspruch.

Der Unterschied, manchmal der völlige Widerspruch, zwischen den Ansichten der Menschen und ihrem Leben, und ihren Ansichten unter einander, freute Pierre und ließ ihn milde, spöttisch lächeln.

Leo Tolstoi, Krieg und Frieden

Tag 135. Einbildung.

Aber beim Deutschen ist das Selbstbewusstsein am schlimmsten, hartnäckigsten und widerwärtigsten, weil er sich einbildet, die Wahrheit zu kennen: die Wissenschaft, die er sich selbst ausgedacht hat, die aber für ihn eine absolute Wahrheit darstellt.

Leo Tolstoi, Krieg und Frieden