Tag 739. nie wieder.

Millionen Gesichter:
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider –
Was war das? Vielleicht dein Lebensglück…
vorbei, verweht, nie wieder.

Kurt Tucholsky, aus: Augen in der Großstadt

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Tag 554. Teufelsbraten.

»Was machst du hier?« Das Kind duckte sich. »Was du hier machst?« Sie ging dabei auf die Kleine zu und gab ihr eine Art Knuff gegen den Kopf – es war nicht einmal eine Ohrfeige; der Schlag ignorierte, daß da ein Kopf war: er verfügte nur über das vorhandene Material. Zufällig war es ein Kopf. »Ich habe … ich … ich bin…« – »Du bist ein Teufelsbraten«, sagte die Adriani. »Drückst dich hier oben herum, während unten geturnt wird! Heute abend kein Essen. In die Schar!« Das Kind schlich unter die andern; sie machten ihm hochmütig und mit artigem Abscheu Platz.

Kurt Tucholsky: Schloß Gripsholm

Tag 468. Automatisierung 

Ich glaube, daß man sich mit der Automatisierung des Betriebes die besten Eindrücke verdirbt. Sicherlich ist das Bild richtig, soweit etwas richtig sein kann – sicherlich macht sich der Einmalige seine Illusionen. Aber sie gehen vielleicht doch tiefer als die kalte Erfahrung des Routiniers.

Kurt Tucholsky: Kleine Geschichten – Der Bahnhofsvorsteher

Tag 457. Oasen.

 

Einer, der Martin heißt, darf also nicht vorkommen. Aber sonst sind diese Bücher bunte Oasen, in die die Leserin aus der Wüstenei flieht, wo man sie so grimmig enttäuscht hat…

Kurt Tucholsky: Panter, Tiger und andere – Narkose durch Bücher

für diejenigen, die ein bisschen mehr Zeit mitgebracht haben, gehts hier zum kurzen Online-Text

Tag 101. Ehemalig.

Einmal habe ich  dieses hier erlebt: Ich stand bei den Handschuhen und hatte wie immer meine Handschuhnummer vergessen und bekam vielerlei Handschuhgebilde übergestülpt. Neben mir stand eine junge Frau, eine Kundin – nein, das war keine Kundin. Sie stand da so, so als ob sie dazu gehörte, aber sie gehörte doch offenbar nicht dazu, denn sie hatte Hut und Mantel an und bediente auch niemand, aber sie kaufte auch nichts. Sie sprach mit dem kleinen Fräulein, das hinter dem Ladentisch stand und gerade nichts zu tun hatte. Ich hörte: „Na und ist denn die Kaminski noch da? Was? Die ist auch weg? So, nach Magdeburg. Na und was treibt denn der Rennbitzer? Was? Macht der abends immer noch solchen Klamauk? Da ist ja Grete! Die ist aber dick geworden.“ Es war eine Ehemalige, die hier sprach. Offenbar hatte sie geheiratet und nun stand sie hier und besuchte ihre früheren Kolleginnen und fragte und bekam Antwort und informierte sich – aus lauter Neugier und Freude und Interesse. Und der Ladentisch wurde auf einmal so breit, so breit. Sie war eine Kollegin gewesen. Sie war es nicht mehr. Sie war eine Schlachtenbummlerin. Und die Mädchen an der Arbeitsfront waren ja soweit ganz nett zu ihr, denn nun waren noch andere dazu getreten, aber es war da spürbar eine Kluft, klein und schmal, aber eben eine Kluft. Und warum war das? Die Ehemalige hatte es nicht mehr nötig. Sie wusste zwar noch recht gut über die kleinen Intimitäten des alliances Bescheid, gewiss, obgleich sie, wie sich herausstellte, zum Beispiel nicht wusste und auch nicht hatte wissen können, dass die Stremba einen gewaltigen Spektakel mit einer Prinzessin aus der Buchhaltung bekommen hatte, und dass es mit der damals so gutmütigen Fahrenheit nicht mehr zum Aushalten sei, man wisse auch warum, na so. Hier wurde das Gespräch etwas dünn und ich fing einige Seitenblicke auf. Die Ehemalige verdross das alles nicht. Sie plauschte und fragte und unterhielt sich, und gab ab und zu eine winzige Messerspitze überlegene Ironie in die Unterhaltung – wenig, nur so ein Körnchen – und sagte: „Zu meiner Zeit“, und sah aus, wie ein alter pensionierter General. Da stand sie. Und gehörte nicht mehr dazu. Es half ihr alles nichts. Nicht die alte Kameradschaft, nicht die Bekanntschaft mit den Kollegen – beliebt musste sie auch gewesen sein, das merkte man gut –, aber sie gehörte eben nicht mehr dazu, denn gemeinsame Arbeit schafft Gemeinsamkeitsgefühle. Die halten nicht sehr lange vor, das fängt in der Schulklasse an, geht über die Kompanie bei den Soldaten und hört im Amt auf. Aber so lange man dabei ist, gehört man eben dazu, weil man denselben Kummer zu tragen hat. Das adelt. Das verleiht eine unsichtbare Auszeichnung. Das gibt eine unsichtbare Nummer auf die Schultern. Una ex nostris: eine von den Unsrigen. Heiratet sie aber, geht sie aus dem gemeinsamen Trott heraus, läuft ihre Uhr anders – darauf kommt alles an – dann gehört sie eben nicht mehr dazu, ist eine Ehemalige. Wird wohl noch hier und da akzeptiert und aufgenommen und angehört. Da kam die Aufsicht. Der kleine Schwarm stob auseinander. Eine, die erste Verkäuferin, blieb stehen und wechselte mit der Ehemaligen noch ein paar Worte, aber hinter diesen Worten stand schon leise, fast unmerklich, eine kleine Ungeduld: Nun halt uns hier nicht in der Arbeit auf, du weißt ja, wies hier ist, du musst es ja wissen. Und da verabschiedete sich die Ehemalige und ging. Es sah aus, als hätte sie ein Gefecht verloren. Sie freute sich wohl, die junge Frau, dass sie einen Mann hatte und hier nicht mitzutun brauchte, aber es war doch ein ganz kleines Bedauern dabei und ein winziger, ihr vielleicht nicht bewusster Schmerz. Sie ging ab durch die Mitte. „Passt dieses Paar hier?“, fragte mich die Verkäuferin. „Danke, ja“, sagte ich und sah der Ehemaligen nach, wie sie im Gewühl verschwand.

Kurt Tucholsky, Die Ehemalige