Tag 603. Gehabdichwohl.

Demnach handelt es sich in diesem kleinlichen, wie wir sagen möchten, proletarischen Poetenleben hauptsächlich um Arbeit in allerhand Bureaus und Schreibstuben, um mancherlei Stellenwechsel, sozusagen also um durchaus Alltägliches und Gewöhnliches, d.h. eigentlich um zweierlei: um Bureauarbeit und um Landschaft, um ein Stellenbekleiden und ein Stellenpreisgeben, um ein Herumwandern in warmer, freier Natur und um ein Sitzen, Festkleben und Schreiben an kaufmännischen Schreibtischen, die man Pulte nennt, um Freiheit sowohl wie um Gefangenschaft, um Ungebundenheit sowohl wie um Fessel; um Not, Bedürfnis, Sparsamkeit sowohl wie um üppiges, freches, fröhliches Verschwenden und köstliche, schwelgerische Genüsse, um harte saure Arbeit sowohl wie um taugenichtsiges, tagediebiges, ins Geratewohl und Gehabdichwohl hineinlebendes, atmendes Vergnügen, um strenge Pflichterfüllung sowohl wie um vergnügliches, rötliches, bläuliches oder grünliches Schlendern, Spazieren und Vagabundieren.

Robert Walser, Poetenleben

Tag 491. Sinken + Steigen.

Zu philosophisch
Wie geisterhaft im Sinken
und Steigen ist mein Leben.
Stets seh’ ich mich mir winken,
dem Winkenden entschweben.
Ich seh’ mich als Gelächter,
als tiefe Trauer wieder,
als wilden Redeflechter;
doch alles dies sinkt nieder.
Und ist zu allen Zeiten
wohl niemals recht gewesen.
Ich bin vergessne Weiten
zu wandern auserlesen.

Robert Walser, Gedichte

Tag 335. wertvoll.

„Ich will keine Zukunft, ich will eine Gegenwart haben. Das erscheint mir wertvoller. Eine Zukunft hat man nur, wenn man keine Gegenwart hat, und hat man eine Gegenwart, so vergisst man, an eine Zukunft überhaupt nur zu denken.“
„Leben Sie wohl. Ich fürchte, Sie werden etwas Schlimmes erleben. Sie interessierten mich, deshalb habe ich Ihre Worte angehört. Sonst würde ich mit Ihnen nicht so viel Zeit verloren haben. Vielleicht haben Sie Ihren Beruf verfehlt, vielleicht wird etwas aus Ihnen. Lassen Sie es sich immerhin gut gehen.“
Mit einer Neigung des Kopfes war Simon entlassen und er befand sich bald draußen auf der Straße.
Robert Walser, Geschwister Tanner

Tag 311. des bestimmtesten.

Er müsse, sagte Tobler in rauhem Ton, einen Kopf als Angestellten haben. Eine Maschine könne ihm nicht dienen. Wenn Joseph planlos und geistlos in den Tag hineinarbeiten wolle, so solle er so gut sein und es gleich auf der Stelle sagen, damit man von Anfang an wisse, woran man mit ihm sei. … „Ach“, sagte Joseph, „warum sollte ich denn keinen Kopf haben, Herr Tobler? Was mich betrifft, ich glaube und hoffe des bestimmtesten, dass ich jederzeit dasjenige zu leisten imstande sein werde, was Sie glauben werden, von mir verlangen zu dürfen …“
Robert Walser. Der Gehülfe

Tag 298. Empfindung.

Ich habe stets die Empfindung, dass an mir etwas Kostbares, Empfindsames und Leichtzerbrechliches ist, das geschont werden muss, und halte die andern für lange nicht so kostbar und feinfühlig. Es ist gerade, als wäre man zu wenig grob geschnitzt für dieses Leben. Es ist jedenfalls ein Hemmnis, das mich hindert, mich auszuzeichnen, denn wenn ich beispielsweise einen Auftrag erledigen soll, so besinne ich mich immer erst eine halbe Stunde, manchmal auch eine ganze!

Robert Walser, Helblings Geschichte

Tag 290. Künstler.

Man fragt sich, was will der junge schöne Künstler hier im Bureau? Merkwürdig, man muss ihn unbedingt für einen Künstler halten, oder dann für ein armes Aristokratenkind. Beides ist fast das gleiche.

Rober Walser. Der Commis. Lebendes Bild

Tag 283. Lebenszweck.

Die Tätigkeit im Büro hielt er nicht für seinen wahren Lebenszweck. Da er sich nach einer Aufgabe sehnte, in die er völlig aufgehen könnte; nach einer Sache strebte, die ihn gänzlich gefangen nehmen würde, so sagte er adieu und ging fort, obschon er in keiner Weise wusste, wohin. Ihm war es aber zunächst ganz einfach nur ums Fortmarschieren zu tun. Alles weitere, sagte er zu sich selbst, würde sich finden.

Robert Walser. Der junge Dichter