Tag 713. ganz neu.

Glasgower Straße 10. Das war weit im Norden, an der Müllerstraße. Das Vernünftigste war, sofort hinauszufahren. […] Es war ein riesiger moderner Ziegelbau, ganz neu, auch im Innern noch blank, Treppen und Flure erinnerten an ein Spital. Bei der Unzahl von Kleinwohnungen war es nicht eben leicht, sich zu orientieren. Endlich stand er vor der richtigen Tür, im fünften Stock, am Ende eines Korridors, der so lang wie eine Rennbahn und spärlich beleuchtet war.

Jakob Wassermann, Etzel Andergast (1931)

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(c) kaschpar, Glasgower Str. 10, 2017
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Tag 677. vergeuden.

Wie die Dinge liegen, ist Warten ein Verbrechen. Er rechnet sich aus, dass das Leben, wenn’s hoch kommt, aus vierundzwanzigtausend Tagen besteht, an die siebentausend hat er schon hinter sich, vergeudet er einen, so ist’s einer weniger, und einer macht dreihundertfünfundsechzig.

Jakob Wassermann, Etzel Andergast

Tag 653. vogelfrei.

Bald danach legte er die Reifeprüfung ab, und nun erst stand er vor dem Nichts. Da war sie wieder, die Frage: Wie finde ich hinein in den Sinn des Lebens? Eures Lebens, das ist es ja eben, nicht meines. Mit der bloßen Forderung, das war ihm bereits klar, findet man nicht hinein. Sie stieß automatisch auf die Gegenforderung, und man sah sich ohnmächtig vor einer geschlossenen Phalanx. Wer da nicht die Waffen streckte und gehorsam in Reih und Glied trat, wurde als Verräter an der Gemeinschaft gebrandmarkt und für vogelfrei erklärt.

Jakob Wassermann, Etzel Andergast

Tag 645. Seelenform.

Die Schlinge zieht sich fester zusammen. Wären sie beide um eine Spur gewöhnlicher, um einen Grad banaler und durchschnittlicher, was hätte ihnen das alles anhaben sollen, was hätten sie zu fürchten, was sollte ihrer Liebe Abbruch tun? Sie könnten, mit einigen kleinen Schrecknissen, die bloß ein Anreiz mehr wären, ihr Glück genießen, und das Ende wäre schlimmstenfalls eine kleine Dutzendtragödie. Allein dies spielt sich unter Wesen ab, die begriffen haben, daß es nur eine einzige wirkliche Verschuldung gibt, nämlich die des Menschen gegen sich selbst. Sie ist nur tilgbar durch das Finden einer neuen Seelenform, und das ist ein Prozeß, der den Charakter einer tödlichen Krankheit hat. Nur wenige überstehen sie.

Jakob Wassermann: Etzel Andergast

Tag 627. ausgezeichnet.

»[…] Man ist ein Gezeichneter. Finden Sie nicht, daß man ein Gezeichneter ist?« – »Allerdings,« sagte Irlen nach langem Schweigen, »wer durch die Hölle geht, wird von ihr gezeichnet. Aber so ein Wort, ist es nicht eine theologische Verirrung, lieber Freund? Zeichnet dich das Schicksal, Joseph Kerkhoven, so zeichnet es dich aus . . .«

Jakob Wassermann: Etzel Andergast

Tag 611. zerfleischen.

 

(Als sich allmählich ein freundschaftlicher Verkehr zwischen ihm [Kerkhoven] und Marie Bergmann entwickelte, war diese bauernhafte Abneigung gegen jede Unterbrechung des automatischen Tagesverlaufs der Gegenstand von Maries liebenswürdigem Spott, sie ahnte damals nichts von dem Unterstrom von Angst, der ihn hemmte, als ob eine unbekannte namenlose Macht in seinem Innern laure, bereit, über ihn herzufallen und ihn zu zerfleischen.)

Jakob Wassermann, Etzel Andergast

Tag 602. stark.

„Ich wollte ergründen, was euch so stark macht“, fuhr er sinnend und mit gesenkter Stirn fort, „und ich glaube, ich habe es ergründet. Es muß das Gold sein. Das Gold verleiht euch den Mut, alle Dinge zu berühren und euch alle Dinge anzueignen. Und indem ihr die Dinge gewinnt, zerstört ihr jedes Dinges Form. Das Gold verwandelt eure Seele, das Gold ist euer Gott, euer Erlöser, wie ihr es nennt, und wer ein Stück davon besitzt, der ist gefeit, der meint die Sonne zu besitzen, weil er eine andere Sonne nicht kennt. Ich verstehe es nun genau, und ihr dauert mich, ihr Sonnenlosen.“

Jakob Wassermann: Das Gold von Caxamalca

Tag 595. erträglicher.

Ich konnte es immer wieder beobachten, jeder blickt auf sein früheres Ich wie auf eine unvollkommene Form herab, deren er sich zu schämen hat, in die verdammt er das Opfer tadelnswerter Verirrungen war. Warum denn bloß? Warum liebt kein Gewordener den, aus dem er geworden ist? Als ob jedes Heute das Gestern umbringen und auffressen müsste, damit ein Morgen sein kann. Lernten wir doch wieder zurückzuschauen, die Gegenwart wäre uns vielleicht erträglicher und die Zukunft nicht so finster.

Jakob Wassermann, Etzel Andergast

Tag 587. sine ira.

„Gut. Erinnern Sie mich. […] Man soll ein so wichtiges Ereignis nicht im Bewusstsein untergehen lassen. Man soll es von Zeit zu Zeit in die Gegenwart stellen, sine ira, wie ein Ding, damit man sieht, dass man sich von seinem Einfluss befreit hat und dass es kein Gift mehr in sich trägt.“

Jakob Wassermann, Etzel Andergast, hier: Irlen

Tag 442. Mustermenschen.

»Was ist mit dir, Junge?« forschte die Generalin strengen Tons. »Du gefällst mir seit einiger Zeit nicht mehr. […] Hapert’s in der Schule? Vorigen Herbst hast du ja noch Aussicht auf den Primus gehabt. Ehrlich gesagt, darauf leg ich wenig Wert. Aus Musterschülern werden keine Mustermenschen, Sitzfleisch macht nicht Genie. Genie ist Fleiß, sagen die Deutschen. Das könnte ihnen so passen. Ich halte was von dir, du bist mein einziger Enkel, ich bin deine einzige Ahnin; hättest du ein halbes Dutzend Geschwister, so würd ich mir vielleicht einen andern unter euch aussuchen als gerade dich, denn du bist mir ein wenig zu verschlagen und ein wenig zu verdöst. Man muß viel da drinnen haben (sie deutete auf ihre Brust), wenn man so viel dahinten hat (sie zwickte ihn am Ohrläppchen). Na, ganz egal, ich hab dich trotzdem lieb, nur wird mir manchmal angst und bang, wenn ich dich anseh.«

Jakob Wassermann: Der Fall Maurizius