Tag 532. erstickt.

Der Schrei des Entsetzens, der über Europa lag, wurde erstickt. Mit dem schmelzenden Schnee, dem beginnenden Frühling, empfing uns alle die Herrschaft des Todes.

Peter Weiss: Die Ästhetik des Widerstands

Advertisements

Tag 174. Erwartung.

Jeden Morgen in der Fabrik erwartete ich meine Entlassung. Jeden Nachmittag beim Eintritt in das Haus, in dem Rosner wohnte, rechnete ich damit, von Polizeibeamten aufgehalten zu werden. Jeden Abend vorm Einschlafen legte sich über den Gedanken, dass etwas eintreffen müsse, was mein Leben verändere, die Machtlosigkeit. Und doch war etwas wie Zugehörigkeit zu diesem Land in mir entstanden. Ich sah mich ansässig werden in Schweden. Deutschland hatte mit meiner Herkunft nichts mehr zu tun. Dort waren nur noch im Untergrund ein paar Freunde vorhanden. Fremd war die Tschechoslowakei, deren Staatsbürgschaft ich einmal besessen hatte.

Peter Weiss: Die Ästhetik des Widerstands

Tag 152. Widerstand.

In dieser Nacht aber bereitete sich in einer der Zellen, deren Luke erhellt war, Bischoff auf ihren Auszug vor. Am Abend hatte der Verhörsleiter sie gefragt, was sie sagen würde, wenn man sie frei ließe. Sie hatte erst nicht geantwortet, weil sie die Mitteilung, die ohne Vorbereitung kam, für irgendeine List hielt. Dann wurde der Bescheid jedoch wiederholt, dass sie am kommenden Morgen das Gefängnis verlassen dürfe. Plötzlich also wurde ihr die Bleibe gewährt. Aus ihrer Begnadigung und der Verurteilung, die dem anderen Häftling zugekommen war, sprach die gleiche Fühllosigkeit, wie sie dort entsteht, wo uneingeschränkt über Leben und Tod entschieden werden darf. Sie konnte gegenüber der Willkür des Verfahrens keine Dankbarkeit empfinden.
Im Gespräch mit dem Beamten wurde das Versteckspiel noch eine Weile fortgesetzt.
Was sie nun als Staatenlose zu tun gedenke, lautete die Frage.
Um das in internationalen Konventionen genannte Recht auf politisches Asyl ersuchen, sagte sie.
Und wozu, wurde gefragt, sie ein solches Asyl benutzen wolle?
Um eine Arbeit auszuführen, gleich, welcher Art.
Eine politische Arbeit?, fragte der Kommissar.
Sie wisse, sagte sie, dass politische Betätigung Ausländern verboten sei.
Die Papiere für das Gesuch um Aufenthaltsbewilligung lagen schon vor ihr auf dem Tisch. Daneben war ein Brief mit dem Stempel der deutschen Staatspolizei zu sehen. Der Brief enthielt die Mitteilung, dass sie ausgebürgert worden sei. Der Beamte schob ihr die Formulare zu. Sie unterschrieb alles, was zu unterschreiben war. Sie bestätigte, dass sie der Meldepflicht nachkommen werde. Sie fragte nicht, wer ihre Freilassung erwirkt hatte, solche Fragen wurden in ihrem Beruf nicht gestellt. Der Kommissar gab zu verstehen, dass ihn das Ausbleiben von Äußerungen der Freude verwundere. Seine Reaktion war geprägt von einer scheinbaren Kindlichkeit, nichts von Grausamkeit war seinem Gesicht abzulesen.

Peter Weiss: Die Ästhetik des Widerstands

Tag 137. Kaufen.

Der Aufbruch meiner Eltern gehörte zum großen Wandern. Über die Meere hin richteten sich die Blicke, anderen Kontinenten entgegen, Häfen wie Marseille, Genua, Rotterdam, Lissabon, Odessa, Istanbul waren Orte eines Orakels, einer magischen Hoffnung. Zu Tempeln waren Konsulate und Gesandtschaften geworden. Die Türschwellen feucht von Küssen und Tränen. Es war das Natürliche, das Normae, dieses Flehen um Zulassungsscheine, Sichtvermerke, um einen Platz in den Quoten. Ein Visum bedeutete Absolution und dies kam nur jenen zu, die das Geld hatten, sich Erbarmen zu kaufen. Es schwollen die Massen derer an, die nicht mehr zu bieten hatten, als ihre Verzweiflung und Verzweiflung war das Wertloseste von allem Überflüssigen. Und bald fanden sich zwischen den Enteigneten auch die, die gestern noch wohlhabend waren. Und es gab nur noch den Sturz in das Umherirren ohne Ausweg und Bleibe.

Peter Weiss: Die Ästhetik des Widerstands

Tag 134. Nennenswert.

In diesen Tagen begann ein desperates Kräftemessen zwischen denen, die sich um die Gefährdeten bemühten und den Beschlussfassern, denen es darauf ankam, jede Stellungnahme abzuweisen. Zu einem Zeitpunkt, da die Not einen Höhepunkt erreicht hatte, kulminierte auch der Unwille zum Beistand. Die verschärften Instruktionen an die Gesandtschaften und Passbehörden hatten sich als erfolgreich erwiesen. Nachdem die politischen Flüchtlinge kriminalisiert und die rassisch Verfolgten als unerwünscht abgetan worden waren, brauchte mit einem Andrang an der Grenze nicht mehr gerechnet zu werden. Dies galt nicht nur für Schweden, sondern für alle, noch unbehelligten Länder Europas. So wie die deutsche Regierung versicherte, dass keine wesentlichen territorialen Ansprüche mehr gestellt würden, so konnte der Westen verkünden, dass kein nennenswertes Flüchtlingsproblem mehr bestehe. Nur, wem es geglückt war, Kapital auszuführen, wer reiche Gönner, Beziehungen zu Industrieleitungen besaß oder sich selbst als Unternehmer etablieren konnte, durfte einer Aufnahme entgegen sehen.

Peter Weiss: Die Ästhetik des Widerstands

Tag 131. Niemand.

Es war Mitte Februar. Die Versuche Drögemüllers Ausweisung zu verhindern, waren gescheitert. Er war mit der Bahn nach Malmö gebracht und mit der Fähre nach Kopenhagen den dänischen Beamten gegen Quittung übergeben worden. Der kommunistische Abgeordnete Senander war im Reichstag gegen diese neuerliche Menschenverfrachtung aufgetreten. Der Hammer des Vorsitzenden hatte die Verlesung des Ausweisungspapiers, auf dem laut königlichen Beschlusses einjährige Gefängnishaft bei Wiedereinreise angedroht wurde, niedergeschlagen.

Niemand war aufzufinden gewesen, der Drögemüller hätte beistehen können.

Peter Weiss: Die Ästhetik des Widerstands

Tag 127. Grenzübergang.

Bereits beim Grenzübergang hatte ich Eindrücke erhalten, die in mir weiterwirkten und sich während der folgenden Zeit verstärkten. Bei unserem Eintreffen in Helsingborg fand gerade die Abschiebung zweier jüdischer Familien statt, die auf beschwerlichen Wegen nach Dänemark und auf die schwedische Eisenbahnfähre gekommen waren. Die beiden Familien, die eine mit einem Säugling, die andere mit Alten und ein paar Kindern, aus Böhmen stammend, mussten sich, schreiend zuerst, dann verzeifelnd jammernd, schließlich verstummt, gebrochen auf die Fähre zurücktragen lassen. Und dies zu einem Zeitpunkt, da in Deutschland die Synagogen angezündet, die jüdischen Geschäfte zertrümmert, die rassisch Verdammten durch die Straßen gejagt wurden. Es war dieses auferlegte Verstummen, das mich in den ersten Monaten peinigte. Und es war kein Stummsein aus notwendiger politischer Verantwortung, sondern aus enger, kleinlicher Furcht, dass die geringste verdächtigte Äußerung zur fristlosen Entlassung, zum Hinauswurf aus dem Land führen könnte.

Peter Weiss: Die Ästhetik des Widerstands