Tag 721. abwesend.

Da aus Herrn Valentins Brummen hervorging, dass er in Ermangelung von Aufträgen jetzt nur im Hinterzimmer wohnte, abonnierte sich Ginster auf eine Fachzeitschrift und schrieb Bewerbungsgesuche, in denen der Lebenslauf eine ganze Seite füllte. Dass sein Leben schon eine solche Länge hatte, überraschte ihn um so mehr, als er bei den in den Gesuchen angegebenen Ereignissen immer abwesend gewesen war. Man lernte den eigenen Ablauf erst aus den Bewerbungen kennen.

Siegfried Kracauer, Ginster

 

Tag 720. Modeungeheuer.

Tatjana, die mir lieb und teuer!
Ich weine mit dir, tief bewegt;
Hast einem Modeungeheuer
Dein Schicksal in die Hand gelegt.
Mein Kind, das wird entsetzlich enden; […]

Alexander Puschkin, Jewgeni Onegin, aus dem Russischen von Rolf-Dietrich Keil

WDR Hörspiel Speicher

Tag 719. cave in.

It was one of those days when it's a minute away from snowing and there's this electricity in the air, you can almost hear it. Right? And this bag was just dancing with me. Like a little kid begging me to play with it. For fifteen minutes. That's the day I realized that there was this entire life behind things, and this incredibly benevolent force that wanted me to know there was no reason to be afraid, ever. Video's a poor excuse, I know. But it helps me remember… I need to remember… Sometimes there's so much beauty in the world, I feel like I can't take it, and my heart is just going to cave in.

American Beauty, hier: Ricky Fitts; Writer: Alan Ball, Director: Sam Mendes

https://m.youtube.com/watch?v=Qssvnjj5Moo

Tag 718. Unterlegensein.

Die Eremiten waren der konsequenteste Versuch, dem Unterlegensein zu entgehn. Sie flohen von dem Bezirk, in dem es wuchert, bis ans Ende der Welt. Da es bald ein Ende nicht mehr geben wird – die Erde wird bis in die fernste Ecke angefüllt sein mit Macht – ist der Eremit eine aussterbende Möglichkeit; übrigens hat es ihn auch bisher kaum gegeben, er war immer schon nur ein Klausner.

Ludwig Marcuse, Die Philosophie des Un-Glücks

Tag 717. heilig.

Er hatte Menschen, die keine von ihm sogenannten lebenslänglichen heiligen Krankheiten hatten, immer verachet und sie immer einer eher niedrigen Kategorie zugerechnet gehabt, mit welcher der Umgang, insbesondere aber der Geistesumgang eine für ihn erniedrigende, wenn nicht schmutzige, aber wenigstens immer charakterschwächende Angelegenheit gewesen war. Er bedauerte die Gesunden, weil sie nach seinen Vorstellungen niemals aus den Niederungen der absoluten Geistesdumpfheit herauskommen und dazu verurteilt sind, lebenslänglich in dieser ihrer gemeinen Geistesdumpfheit zu verharren, gleich was sie sind und gleich was sie tun und er verachtete sie ganz offen und schien immer wieder ein Vergnügen an dieser seiner Verachtung gegenüber diesen armseligen, nichtswürdigen, geisteschädlichen, Kreaturen zu haben, wie er sich tatsächlich einmal mir gegenüber geäußert hatte.

Thomas Bernhard, Die Billigesser

Tag 716. ewig.

Aber, wie die Türangel, so war auch dies eines der vielen Dinge, worüber die Parsen in ihren Büchern verfügt hatten, sie sollten ewig bemäkelt, auch in verständigeren Familien als in unsrigen, doch nie gebessert werden.

Laurence Sterne: Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman

Tag 715. ungehindert.

»Ich fürchte, Hans«, erwiderte er, mich mit halbem Lächeln ansehend, »ich stehe wieder unter dem Bann deiner Liebenswürdigkeit; ich fühle auch: dir kann ich’s sagen, ja, ich muß es, was kein Mensch von mir weder je erfahren hat, noch wird. Gehen wir nach meiner Wohnung; in meinem stillen Zimmer wird uns niemand stören, die grauen Schatten der Erinnerung können ungehindert um uns sein.«

Er blickte mich mit ernsten, trüben Augen an: »Nur einem nächsten Freunde kann ich es erzählen; denn Freude ist nicht dabei, ich kann nur eine Last auf deine Schultern legen.«

Theodor Storm: Ein Bekenntnis

Tag 714. Schwerer Morgen

In heißem, verwühltem Bett
verbrachte ich eine lange
Nacht, und ach, wie bange
ist es mir auch außer dem Bett.

Ich rüste mich traurig an
zu schwerem Lebensgange
und ich wehre dem süßen Hange
nach Trost, was liegt auch daran.

Man muss sich lenken, bezwingen,
so schwer es auch ist, so schwer
sich dagegen stemmt die Begehr
nach schmeichelndem tröstlichem Klingen.

Robert Walser, Gedichte

Tag 713. ganz neu.

Glasgower Straße 10. Das war weit im Norden, an der Müllerstraße. Das Vernünftigste war, sofort hinauszufahren. […] Es war ein riesiger moderner Ziegelbau, ganz neu, auch im Innern noch blank, Treppen und Flure erinnerten an ein Spital. Bei der Unzahl von Kleinwohnungen war es nicht eben leicht, sich zu orientieren. Endlich stand er vor der richtigen Tür, im fünften Stock, am Ende eines Korridors, der so lang wie eine Rennbahn und spärlich beleuchtet war.

Jakob Wassermann, Etzel Andergast (1931)

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(c) kaschpar, Glasgower Str. 10, 2017