Tag 611. zerfleischen.

 

(Als sich allmählich ein freundschaftlicher Verkehr zwischen ihm [Kerkhoven] und Marie Bergmann entwickelte, war diese bauernhafte Abneigung gegen jede Unterbrechung des automatischen Tagesverlaufs der Gegenstand von Maries liebenswürdigem Spott, sie ahnte damals nichts von dem Unterstrom von Angst, der ihn hemmte, als ob eine unbekannte namenlose Macht in seinem Innern laure, bereit, über ihn herzufallen und ihn zu zerfleischen.)

Jakob Wassermann, Etzel Andergast

Tag 609. vernichten.

[…] alles Aufgeschriebene, lassen wir es längere Zeit liegen und betrachten es immer wieder von vorne, wird uns naturgemäß unerträglich und wir geben keine Ruhe, bis wir es wieder vernichtet haben, dachte ich.

Thomas Bernhard, Der Untergeher

Tag 608. Broterwerb.

 

Als die Frage der Berufswahl näher rückte, wussten alle Klassenkameraden, was sie werden wollten. Am liebsten wäre er gar nichts geworden, aber zu Hause bestanden sie auf einen Broterwerb. Jeder Mensch habe einen Beruf und das erste selbstverdiente Geld mache glücklich. Er hätte sich glücklicher gefühlt, wenn ihm das Geld geschenkt worden wäre, doch in Amerika besaß die Familie nur einen armen Verwandten.

Siegfried Kracauer, Ginster

Tag 607. unermüdlich

In der ersten Viertelstunde ihrer Bekanntschaft sprach der Doktor Trebitsch unermüdlich, und sein blonder, langer, in sanften, dunkelnden, an den Rändern gelichteten Strähnen herabfließender Bart bewegte sich vor den Augen Theodors in regelmäßigem Auf und Ab und störte die Aufmerksamkeit des Zuhörers. Leise plätscherten die Worte des Blondbärtigen, eines und das andere blieb eine Weile in Theodor haften und verwehte wieder. Noch nie war er einem Vollbart so nahe gewesen.
Joseph Roth: Das Spinnennetz

Tag 604. hinausschieben.

Lenz ärgerte sich, dass er am Anfang so viel von sich erzählt hatte. Die Widerstandslosigkeit, mit der jeder von sich und seinen Problemen sprach, erschien ihm mehr und mehr als ein Mittel, ihre Lösung hinauszuschieben.

Peter Schneider, Lenz