Tag 739. nie wieder.

Millionen Gesichter:
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider –
Was war das? Vielleicht dein Lebensglück…
vorbei, verweht, nie wieder.

Kurt Tucholsky, aus: Augen in der Großstadt

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Tag 733. Lächeln.

Doch dieses Lächeln sah ich nicht mehr ganz zu Ende, denn Scham drehte mich plötzlich herum. Erst an diesem Lächeln also hatte ich erkannt, daß das ein Bauernfänger war, nichts weiter. Und ich war doch schon Monate lang in dieser Stadt, hatte geglaubt, diese Bauernfänger durch und durch zu kennen […] Und ihre Mittel waren stets die gleichen: Sie stellten sich vor uns hin, so breit sie konnten; suchten uns abzuhalten von dort, wohin wir strebten; bereiteten uns zum Ersatz eine Wohnung in ihrer eigenen Brust, und bäumte sich endlich das gesammelte Gefühl in uns auf, nahmen sie es als Umarmung, in die sie sich warfen, das Gesicht voran.

Auszug aus: Franz Kafka. Entlarvung Eines Bauernfängers. In: Betrachtung.

Tag 732. Gemeinschaftsgerede.

Und doch hätte er den Kongress nicht ernsthafter und vollkommener behandeln können, denn er empfand einen Abscheu vor dem Gemeinschaftsgerede und glaubte ja wirklich, dass eine Gemeinschaft unmöglich sei, solange die Menschen sich nicht veränderten.
„Natürlich“, hörte er Dr. Wolff sagen, „hängt alles von einer Veränderung unserer Einrichtungen im Sinne des Sozialismus ab.“
Lautlos tauchte Wolff auf, wie eine Erscheinung in einem Zauberstück, und Fräulein Samuel war eine Hexe, die ununterbrochen nickte. Um der Vernichtung seiner heimlichen Gedanken zu entgehen, setzte sich Georg gegen die Angreifer zur Wehr.
„Und die Menschen“, fragte er Wolff, „was nützen die veränderten Einrichtungen, wenn die Menschen dieselben bleiben?“
Siegfried Kracauer, Georg

Tag 731. Frevelschuld.

Der Frevelschuld alter Zeiten
Denk ich, der rastlos gestraften,
Die fortgewährt ins dritte Glied,
Da trotz Phoibos‘ Willen Laios –
Obschon ihn dreimal gewarnt
Der pythischen Weltmitte Spruch,
Daß, wenn er stürbe kinderlos, seine Stadt er rettete –,

Aischylos: Die Sieben gegen Theben (hier: Chor)

Tag 729. eindringlich.

Wenn Sie sich Zeit nehmen und einmal Goethe eindringlicher als normalerweise lesen, kommt Ihnen am Ende das Gelesene lächerlich vor, ganz gleich, was es ist, Sie brauchen es nur öfter als normalerweise lesen, es wird unweigerlich lächerlich und selbst das Gescheiteste ist am Ende eine Dummheit. Wehe, Sie lesen eindringlicher, Sie ruinieren sich alles, was Sie lesen.

Thomas Bernhard, Alte Meister

Tag 728. auflösen.

Mit diesen Augen, hatte es an Bord geheißen, könne ein Wal zwei verschiedene Bilder gleichzeitig erfassen, gleichzeitig zwei verschiedene Welten.

Die Riesin sah mich an, nein: streifte mich mit ihrem Blick und änderte dann ihren Kurs um einen Hauch, gerade so viel, dass wir einander nicht berührten. Aber obwohl sie mir mit dieser Andeutung einer Seitwärtsbewegung auswich und damit mein Dasein immerhin wahrnahm und anerkannte, glaubte ich in ihrem Blick eine so abgrundtiefe Gleichgültigkeit zu sehen – vergleichbar der eines Berges gegenüber dem, der ihn besteigt, der des Himmels gegenüber dem, der ihn durchfliegt -, dass mich ein Gefühl überkam, als müsste ich mich unter diesen Augen ohne den geringsten Rest auflösen, müsste unter diesen Augen verschwinden, so, als hätte ich nie gelebt.

Christoph Ransmayr, Atlas eines ängstlichen Mannes

Tag 726. Kraftquelle.

Sich darauf besinnen, was man eigentlich möchte. Das Bewusstsein der begrenzten, ablaufenden Zeit als Kraftquelle, um sich eigenen Gewohnheiten und Erwartungen, vor allem aber den Erwartungen und Drohungen der anderen, entgegenzustemmen. Als etwas also, das die Zukunft öffnet und nicht verschließt. So verstanden ist das Memento eine Gefahr für die Mächtigen, die Unterdrücker, die es so einzurichten suchen, dass die Unterdrückten mit ihren Wünschen kein Gehör finden, nicht einmal vor sich selbst.

Pascal Mercier, Nachtzug nach Lissabon

Tag 725. begrenzt.

Es liegt in der Natur der menschlichen Seele, selbst der schwächsten, dass nach einer heftigen Aufregung immer ein Gefühl der Ruhe folgt; denn wenn die Empfindungen auch unendlich sind, unsere Fähigkeiten, sie zu ertragen, sind begrenzt.

Honoré de Balzac, Die Sühnemesse – Eine Episode aus der Schreckenszeit

Tag 724. Vorkommnisse.

Sie haben da erwähnt, wir lebten in einer großen Zeit, und ich war natürlich nicht gefasst auf eine große Zeit, wer könnte das auch ahnen, solang er noch in den Kindergarten oder in die ersten Schulklassen geht, später natürlich, auch in der Schule, oder gar auf der Universität war von überraschend vielen großen Zeiten die Rede, von großen Vorkommnissen, großen Menschen, großen Ideen …

Ingeborg Bachmann, Malina